EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

für eine naturheilkundliche Fachzeitschrift scheint es ausgeschlossen, nicht noch einmal auf das spektakuläre Thema der pyrrolizidinalkaloidhaltigen Arzneimittel einzugehen. Kaum ein anderes Thema in den letzten Jahren hat die Anhänger der Naturheilkunde in Deutschland so in Angst und Sorge versetzt – Angst, daß in den geliebten Naturheilmitteln auch toxische und kanzerogene Substanzen enthalten sein könnten und Sorge, daß sich hinter der Überschrift „2500 Naturheilmittel verboten“ eine konzertierte strategische Aktion von Großpharma, Regierung und Behörden verbergen könnte, die das ohnehin bescheiden geglaubte Licht der Naturheilkunde vollends ausblasen könnte. Unwissende waren sogar erstaunt, daß es überhaupt 2500 Naturheilmittel geben sollte.

Einer Fachzeitschrift sei es erlaubt – im Gegensatz zu den sensationsfördernden Öffentlichkeitsmedien – einige sachliche Anmerkungen abzusetzen: Es handelt sich nicht etwa um 2500 Heilpflanzen, sondern um hauptsächlich fünf in unseren Breiten verwendete Heilpflanzengattungen: Huflattich, Beinwell, Pestwurz, Kreuzkraut und Wasserhanf. Nach eigenen Angaben von Therapeuten und Herstellern sind die darin enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide nicht die Hauptwirkstoffe dieser Pflanzen, sondern als Begleitstoffe einzustufen. Rein theoretisch wäre also bei einer Konzentrationsbegrenzung dieser nicht zu Unrecht verdächtigten Pyrrolizidinalkaloide in den einzelnen Extrakten eine therapeutische Wirkungsminderung nicht zu erwarten. Selbstverständlich hat das Amt alles ein bißchen „über einen Kamm geschoren“ und die unterschiedlichen Alkaloidmuster in den verschiedenen Pflanzengattungen und deren unterschiedliche Toxizität unberücksichtigt gelassen. Wenn man dieses wissenschaftlich nicht einwandfreie Vorgehen wohlwollend einstufen wollte, könnte man es damit entschuldigen, daß dieses Amt auch schon bei dem geringsten Verdacht tätig werden muß.

Hier dürfte aber in dem jetzt vorgesehenen Beurteilungszeitraum der genaueren Überprüfung ein gründlicher Handlungsbedarf bestehen. Erste rasche Studien aus dem Bereich der Naturheilkunde scheinen zu bestätigen, daß z. B. der Huflattich aus unseren Breiten und den benachbarten Ländern ohnehin eine Pyrrolizidinalkaloidkonzentration um oder unter 0,1 ppm besitzt. Aber warum wollen wir dennoch nicht solche Phänomene zur Kenntnis nehmen, daß z. B. das Vieh den Huflattich in den Tälern munter frißt, ihn aber in höheren Lagen stehen läßt? Vielleicht sind Untersuchungen gar nicht unangebracht, bevor man eventuell aus dem, was das Vieh verweigert, Humanarzneimittel herstellt? Alle diese Erscheinungen verlangen eine fach- und sachkundige – vor allen Dingen aber von allen Seiten vorurteilsfreie – Nachforschung und Untersuchung. Vielleicht sollte unter uns Fachleuten auch noch einmal die Zahl 2500 daraufhin relativiert werden, indem man sich klarmacht, daß diese Zahl dadurch zustande kommt, daß es sich jede Apotheke in Deutschland zur Ehre gereichen läßt, eine eigene „Bronchicum-Teemischung“ herzustellen und diese selbstverständlich beim BGA anzumelden.

Auch andere Zahlen sollten wir uns als Fachleute in diesem Zusammenhang vor Augen halten: Es gibt in Deutschland 126000 Arzneimittel und davon sind ca. 70000 pflanzlicher Herkunft (Mono- und Kombinationspräparate), 29000 allopathische, 24000 homöopathische und ca. 3000 anthroposophische Heilmittel. Keiner bezweifelt, daß die Naturheilkunde für ihre Rechte kämpfen muß, aber eine versachlichte Auseinandersetzung wird sicher vernünftigere Ergebnisse bringen und auch erfolgreicher sein für die Naturheilkunde – auch und vor allen Dingen in Heilpraktikerhand – als Aktionen, die lediglich für die Therapiefreiheit des Arztes kämpfen. Gerade durch die Erreichung dieses Ziels, z. B. durch eine Verschreibungspflicht von eventuell verdächtigen Phytopharmaka, würde zwar die Therapiefreiheit des Arztes erhalten, aber gleichzeitig auch ein anderes „Ziel“ erreicht, nämlich die Einschränkung der Therapiefreiheit des Heilpraktikers.

Die Naturheilkunde muß in erster Linie auch für den Berufsstand, der sie seit Jahrhunderten ausübt, erhalten bleiben. Oberstes Ziel der naturheilkundlichen Tätigkeit durch den Heilpraktiker war und ist die Nebenwirkungs- und Risikofreiheit. Wir sollten jede Maßnahme unterstützen, die einem Risikoverdacht vernünftig, sachlich und mit den angemessenen Maßnahmen nachgeht, um unsere Naturheilkunde auch in Zukunft als die risiko- und nebenwirkungsfreie Alternative zu einer ganz anderen Medizin ausüben zu können. Wir Heilpraktiker sollten auch in Zukunft die naturheilkundlichen Mittel aus ihrem Selbstverständnis heraus anwenden und die vitale Dynamik und Heilpotenz dieser höheren Stufe der biologischen Einheit einer Pflanze mit ihren biologischen Entsprechungen im Menschen verstehen und nutzen, denn die biologische Einheit einer Pflanze ist ein qualitativer Sprung gegenüber nach quantitativen Gesichtspunkten zusammengestellten Stoffgemischen.

Das Vertrauen des Bürgers in die Naturheilkunde nicht zu erschüttern und nicht ein ähnliches Non-Compliance-Problem zu erzeugen, wie es die Schulmedizin mit jährlich über zwei Milliarden DM hat, sollte unsere „Biologische Aktion“ sein.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1988