EDITORIAL

Statt eines Editorials

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich kann mir nicht helfen. Es macht einfach keinen Spaß mehr. Die machen alles nach. Früher hatte man als Heilpraktiker den ganzen Okkultismus in der Heilkunde für sich allein, aber heute .. . ? Wo sind die Zeiten hin, als die Wirkung der Akupunktur noch auf der Suggestion beruhte? Heute möchte Frau Oepen am liebsten, daß es mutwillige Körperverletzung sein soll – jedenfalls in Heilpraktikerhand. Wo sind die Zeiten hin, als die Chiropraktik noch Scharlatanerie war? Heute hat sie sich zur Chirotherapie gemausert. Und wo ist die Magie der Pflanzenheilkunde? Phytotherapie heißt sie jetzt und die Pflanzen Phytopharmaka.

Wir mußten früher noch mit der ganzen Pflanze heilen – mit allen Ballaststoffen – und das Wort Ballast sagt ja schon, wie schwer das war. Heute nimmt man nur den einen Stoff raus, den man wirklich braucht – elegant oder?

Alle meine schönen Therapien machen eine wissenschaftliche Karriere – nur ich nicht. Ich bin ganz schön arm dran. Wann werde ich endlich verwissenschaftlicht? Ich habe mich ans Ministerium gewandt, aber keiner ist für meine Verwissenschaftlichung zuständig. In der Zwischenzeit ist mir ein Bart gewachsen...

Und die Homöopathie? Die hätten sie neulich auch beinahe bewiesen. Gott sei Dank war das ein großer Bluff. Aber wie lange geht das noch gut? Was bleibt mir eigentlich noch. wenn die alles nachmachen?

Bei den Ärzten – ja, da herrscht Ordnung, vor allen Dingen Gebührenordnung. Da fließt der Zaster von ganz alleine. Ich muß noch alles selber machen. Ich muß selber meine Diagnosen stellen – bei denen machen das die Maschinen. Und ich muß auch selber die einzelnen Mittel auswählen für die Therapie. Bei denen schreibt das die Kasse vor, was zu verordnen ist, das müssen sie auch nicht mehr selber machen – genau wie das Blutdruckmessen, das haben sie an die Apotheke abgegeben und jetzt die Cholesterintests ... obwohl, wenn ich 's mir genau überlege..., wenn alles die Maschinen machen, ob nicht die Ärzte eines Tages überflüssig werden? Um Gottes willen, da darf man gar nicht so genau darüber nachdenken.

Den Apothekern geht's vielleicht eines Tages ebenfalls nicht besser. wenn man erst Medikamentenautomaten aufstellt. Das kann man sich heute alles noch gar nicht vorstellen: die Apotheke als Automatenspielhölle, wo die süchtigen Hypochonder nervös an den Diagnoseknöpfen herumzocken, damit das passende Medikament rauskommt ... Ja, an dem großen Spiel kann ich mich leider nicht beteiligen. Ich bin nur ein armer Heilpraktiker. Mir fehlen auch die Qualifikationen, ich bin einfach nur zugelassen... mich läßt man halt grade so. Und seit es so wenig Muster gibt, ist alles noch schlechter. Die paar reichen nicht einmal, um sich selbst ausreichend zu spritzen. Wenn man sich mal eine richtige Therapie verpassen will, muß man eh schon mehrere Firmen durcheinander spritzen. Für mich ist kein Bedarf, hat der Bundesgesundheitsrat gesagt. Ich muß mich mit den Bedürfnissen zufrieden geben – das hört sich schon ganz schön bedürftig an. Das einzige, was ich noch habe, ist meine dreijährige praxisbezogene berufsständische Ausbildung – die kann mir keiner nehmen. Ich bin – Gott sei Dank nicht durch so ein langes weltfremdes Studium gestraft.

Aber auch das wollen sie jetzt nachmachen. Da hat doch ein Tübinger Prof. völlig richtig erkannt, daß die Ärzte zu theoretisch ausgebildet werden und noch dazu an sog. Maximalversorgungseinrichtungen wie Uni-Kliniken und so, bei denen nur ca. 1% aller Patienten betreut werden. Der Prof. fordert doch glatt eine dreijährige praxisnahe Ausbildung für Ärzte und wenn die sich dann alle mal an die übrigen 99% der Patienten heranmachen, wird es für mich sicher noch schlechter. Die werden wahrscheinlich auch noch viel mehr werden, weil die nämlich dann mit ihrem Studium schon vor der Pensionierungsgrenze fertig sind.

Andererseits... eh die mit ihrer Unbeweglichkeit bei der dreijährigen Ausbildung angekommen sind, da sind wir schon längst bei einem halben Jahr... ich habe da öfter mal was gelesen, da sind schon so'n paar ganz Klevere am Werk... Aber was hilft mir das noch? Obwohl ich ständig umgezogen bin, konnte ich mir keinen festen Patientenstamm aufbauen. Ich bin wirklich arm dran. Ein Kollege von mir hatte da eine prima Idee. Der hat ein Spendenkonto aufgemacht. Man müßte mal fragen, ob da was aufgelaufen... vielleicht sollte ich auch?... grade jetzt, wo bald das Fest der Liebe kommt... ist an sich 'ne gute Zeit. Da müßte doch ein bißchen was bei rausspringen, wenn ich meine Bedürftigkeit so richtig ergreifend herausstelle?

Aber halt!... da fällt mir grade ein... ganz so schlecht kann es ja um mich und meine Zukunft gar nicht bestellt sein... richtig, die brauchen mich ja. Die können ja auf die Dauer gar nichts nachmachen, wenn ich es nicht vormache. Na klar, ich bin ja unentbehrlich – schon allein wegen der Innovationen. Und überhaupt: Ich werde mich in Zukunft stärker behaupten, ich lasse mich doch nicht länger zum Weihnachtsmann machen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/1988