EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

gerade jetzt, wo man alles so schön im Griff hatte, wo man mit der Ordnungs- und Saubermannideologie die Republik so recht schön blank herausgeputzt hat, wo das sensible Auge des Bundesbürgers – durchs Werbefernsehen ganz auf Stromlinienform und Oberflächenglanz geschult – auch von der diesem Medium nachgebildeten Wirklichkeit kaum noch beleidigt wird, wo das kosmetische Zeitalter mitten in seiner schönsten Blüte steht – ausgerechnet da passiert es. Obgleich die angeblich dermatologisch rückversicherte Kosmetikbranche die Hautprobleme vom Pickel über die Akne bis zur Neurodermitis wiederum werbestrategisch für sich ausschlachtet, als sei dies alles ein Problem, das man von außen angehen könnte, bricht unvermittelt und unübersehbar die Wahrheit durch die so kunstvoll aufgetragenen Salben- und Puderschichten. Man kann es drehen und wenden wie man will: Der ganze Schlamassel kommt von innen – das allerdings im weitesten Sinne. Wer freilich meint, daß man die dermatologischen Abteilungen schließen könnte und das ganze Problem dem Internisten übereignen, verfällt dem gleichen folgenschweren Irrtum.

Haargenau der Tatsache, daß man die Welt und nicht zuletzt die Medizin in Spezialgebiete einteilt, die relativ kontaktarm nebeneinander herforschen und -handeln, verdanken wir die ganze Misere. Erst ein vorurteilsfreies, tolerantes, interdisziplinäres Miteinander, das den Respekt vor der Ganzheit biologischer Existenz und deren seit Jahrmillionen bestehenden Zusammenhängen und Verknüpfungen höher einschätzt als die Labortestergebnisse der eigenen Spezialdisziplin, kann einen echten Fortschritt bringen.

Falsches Denken, das uns die Illusionslosigkeit als ein Markenzeichen präsentiert, das uns die Veräußerlichung aller Probleme als normal verkauft, das die Notschreie unserer Seele psychoanalytisch beantwortet mit dem Ziel der Wiedereingliederung in unsere äußerliche Gesellschaft, das bei psychosomatischen Zusammenhängen den ethischen Hintergrund verleugnet, ist das eigentliche Problem, das es zu erkennen gilt. Das Umsetzen unseres falschen Denkens in technische Machbarkeit hat uns immer weiter von dem zum Überleben unbedingt erforderlichen Synergismus aller biologischen Existenz entfernt. Wir haben vergessen, daß wir ein Teil des Ganzen sind und daß wir in den großen Kreislauf der Natur und des Kosmos integriert sein müssen, daß es wichtig ist, daß wir im Denken, Fühlen und Handeln gesund durch diese Natur hindurchgehen und konsequenterweise dafür sorgen, daß die Natur in Form von Nahrung, Luft, Wasser und auch Energie und Strahlung gesund durch uns hindurchgeht.

Wenn wir den falschen Weg so weitergehen, wird eventuell nicht nur unsere Haut aufbrechen, sondern auch die Hülle unseres Planeten, und die Menschheit wird vom Wundwasser hinweggespült und ausgeeitert.

Wenn wir schon in einem so äußerlichen kosmetischen Zeitalter leben, so sollten uns die zunehmenden sichtbaren Probleme unserer Oberfläche wenigstens zu denken geben.

In diesem Sinne Ihr


Naturheilpraxis 01/1989