EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

was für ein Mann, dieser Michail Gorbatschow. Welch ein Mut gehört dazu, alles gleichzeitig in Angriff zu nehmen und voranzupeitschen: die Wirtschaftsreform, die Parteireform, die Verfassungsreform, die Justizreform, die Reform der Außenpolitik...

An einem Tag bewegte er noch die Herzen der Uno-Delegierten, als er zur »gemeinsamen Entwicklung« der Zukunft aufrief, am anderen Tage lagen ihm die Opfer der Erdbebenkatastrophe in den Armen. Man kann nicht umhin, die Dimensionen und den Mut dieses Mannes zu bewundern, zumal Mut eine Eigenschaft zu sein scheint, die bei uns völlig ausgestorben ist. Vereinzelt hört man noch das Wort Zivilcourage, aber dann meist in einem Zusammenhang, in dem ihr Fehlen bedauert wird.

Bei uns braucht es keinen Mut mehr zum Handeln. Man handelt lediglich, wenn man nach allen Seiten ausreichend abgesichert ist: durch Expertenkommissionen, durch Abstimmungsmehrheiten, durch Umfrageergebnisse mindestens der Meinungsforscher oder durch eine festgeschriebene Machtposition innerhalb der bürokratischen Hierarchie.

Fast künstlerisch geschickt bedienen wir die Klaviatur der nach allen Seiten abgesicherten Kommunikationswege, sagen und tun nichts ohne eine Rückversicherung evtl. daraus folgender Konsequenzen. Wir wissen unsere Meinung zu verschweigen, wenn es im Rahmen des Möglichen einen gewissen Erfolg verspricht. Betriebsblind sind wir allemal und befangen in den angeblichen Fach- und Sachzwängen unseres kleinen Bereichs. Wer einmal etwas neu oder gar unkonventionell überdenkt und über den Schüsselrand hinausblickt, ist schnell als Störenfried gebrandmarkt.

Was haben sich da z. B. die Berufsverbände der Heilpraktiker (eines zwar wichtigen, aber wahrlich nicht großen Berufsstandes), weil sie zu diesem Blick über den Schüsselrand nicht fähig waren, an kleinkarierten Auseinandersetzungen geleistet? Unzufriedene, deren über den Leistungsbereich von Verbänden hinausgehende Ansprüche nicht befriedigt wurden, traten zornig aus. Andere verließen Verbände, weil die von ihnen angestrebten Funktionen innerhalb eines Verbandes von den Mitgliederversammlungen nicht nachvollzogen wurden. – Letztere waren selbstverständlich potentielle Neugründer von sog. HP-Verbänden. – Als Neugründer hatten sie sozusagen ihre angestrebten Positionen wie selbstverständlich von vornherein inne. Sie sammelten die Unzufriedenen um sich – auch die als unliebsam aus anderen Verbänden ausgegrenzten –, was sicher zu keiner ganz einfachen Mitgliederstruktur führt.

Aber nie hat jemand die Chance eines Umdenkens oder wirklichen Neuanfanges gemacht, sondern sich sofort am Kleinkrieg der Verbände beteiligt, um über die Argumentationsschlachten evtl. Mitgliederfluktuationen positiv für den eigenen Verband zu nutzen. Mit Marketing-Strategien haben sie an Ausbildungen verdient und mit Ideologien des Anscheins Verbände aufgebaut. Nur, was hat das alles mit der Ethik dieses Heilberufes zu tun? Dennoch – die Auseinandersetzung zwischen Heilpraktikerverbänden in der Bundesrepublik Deutschland ist das überflüssigste, was man sich überhaupt vorstellen kann.

Es geht einzig und allein um unsere Patienten, um ihre optimale gesundheitliche Versorgung. Dazu gehört das nötige Können, dazu gehört Aufgeklärtheit, dazu gehört der Mut, Dinge beim Namen zu nennen und klar zu sagen, daß z. B. auch die Strukturreform im Gesundheitswesen an gesundheitlichen Problemen unserer Bevölkerung wieder einmal absolut vorbeigeht.

Unser freier Heilberuf sollte mit den Möglichkeiten seiner Kreativität seine Patienten auf allen gesundheitlichen Gebieten optimal betreuen. Lassen Sie uns etwas von dem anfänglich beschriebenen Mut in unsere Behandlungszimmer hineinscheinen. Zu der Freiheit, die wir außerhalb des kassenärztlichen Systems genießen, gehört der Mut, diese schöpferisch zu gestalten und nicht mit Kleinmut und ebenso kleinlichem Geplänkel zu vergeuden.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/1989