EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

kaum einer ist nicht von seinem rasanten Niedergang überzeugt – er steht in ganz schlechtem Ansehen: der Zeitgeist.

Gerade 200 Jahre alt, ein Abfallprodukt der Französischen Revolution, gab er dem bürgerlichen Lebensgefühl eine gewisse Grundierung, an aufregenden Ereignissen irgendwie beteiligt zu sein. Und endlich vor allen Dingen gab es ein Wort dafür: Seither hat die Zeit einen Geist.

Als vorbildliche Zeitgeister galten praktische politische Menschen, deren Einsicht in das, was an der Zeit ist, ihre Größe ausmachte. So zumindest fasste Hegel diesen Begriff auf, der schon damais fragte: »Ist er ein Genius? Ein Dämon? Wo kommt er her? Wohin will er?... Kann man ihn lenken?«

Der Herdersche Zeitgeist war sanfter. Er lud zum Schweifen im Allgemeinen und Prinzipiellen und vor allen Dingen im Unverbindlichen ein. Der sonst eher bürgerliche Goethe formulierte da schon schärfer, fast mit einem revolutionären Nachhall: »Was Ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.« Goethe drückte damit aus, daß der Bürgersinn zwar mit der Zeit ging, aber argwöhnisch gegenüber den Machenschaften der Oberen blieb.

Das tut auch uns heute gut, und wir haben wahrhaftig allen Grund dazu. Es geht uns zwar nicht mehr so, wie Ludwig Börne, der 1819 unter dem Druck der Zensur seine Korrespondenten ironisch aufrief, nur noch über Nebensächlichkeiten zu berichten, aber wenn man sich heutige Druck-Erzeugnisse ansieht, ist unverkennbar zu konstatieren, daß sie sich freiwillig in die Harmlosigkeit und Unverbindlichkeit begeben haben. Der Zeitgeist produziert übrigens keinen Text mehr, Illustrationen und das Layout sind wichtiger geworden. Die Medien aller Schattierungen analysieren nicht mehr die Ereignisse, um einen Zeitgeist dahinter sichtbar werden zu lassen. Die Medien machen die Trends selber nach ihren eigenen Bedürfnissen und betätigen sich sozusagen als spiritistische Organe für die Manifestation des »Zeitgeistes«. Aus Epochen werden Dekaden, aus Dekaden Wellen, Trends, Moden. Wer heute ein gemeinsames Lebensgefühl orten will, das den unterschiedlichen Gestaltungsgebieten der gesellschaftlichen Dynamik zugrunde liegt, muß sicher schier verzweifeln und resignierend mit Hölderlin ausrufen: »... zu lang schon waltest über dem Haupte mir, Du, in der dunklen Wolke, Du Gott der Zeit... es trümmert und wankt ja, wohin ich blicke... «

Auch im Bereich der Medizin geht es schon lange nicht mehr um die konstante und konsequente Wahrheit der Gesundheit, sondern auch hier herrscht wechselnde Betriebsamkeit auf allen möglichen Feldern: mal das chirurgische Kunststück, mal AIDS, mal die wissenschaftliche Sensation eines ganz neuen Virus, immer mal wieder Krebs, Skandale mit Medizin- und Medikamententoten, dann mal Protestwellen gegen zuviel Chemie und Apparate in der Medizin, Proteste gegen zu hohe Kosten und schließlich Proteste gegen Kostensenkung von denen, die am Medizinbetrieb nicht schlecht »partizipieren«. Eine schier unüberschaubare, sich rasant abwechselnde Vielfalt, die einem den Blick für ein evtl. dahinterstehendes Gesetz verstellt.

Wenn man all diese Ereignisse und Informationen in einen Computer einspeichert, ob man wohl einen Code findet, der den Zusammenhang dieser Vielfalt entschlüsselt und ausdruckt? Und was die Naturheilkunde ganz besonders interessiert, ist das herrschende Gesetz immer noch das der Wahrheit über Krankheit und Gesundheit, das Gesetz von der Medizin als Heilkunst? Oder wird es immer schwerer, Geist und Zeit zusammenzudenken?

Ist, was übrig bleibt, etwa der Befund, den Beckett in seinem »Endspiel« so erhebt: »Irgendetwas geht seinen Gang« – oder, wer es dennoch gern swinging hätte, von Cole Porter: Anything goes...

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/1989