EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist einem nicht ganz wohl dabei: Dr. Fintelmann geht. Nach 11jähriger Initiativtätigkeit als Vorsitzender der Kommission E – Phytotherapie des Bundesgesundheitsamtes, verläßt er diese. Wie sagt man immer so schön? »Er hat sich verdient gemacht. Ihm gilt unser Dank!« – Ja, wahrhaftig. Man ist mit ihm nicht immer zimperlich umgegangen. Viele Vorwürfe haben ihn getroffen oder mitgetroffen, die eigentlich an die Adresse der Bürokraten des BGA gerichtet waren. Hart werden die Auseinandersetzungen manchmal gewesen sein. Kein Wunder, denn wenn man sich die Zusammensetzung der Kommission anschaut, kann man sich gut vorstellen, daß innerhalb derselben ein ähnlich missverständlicher Wissenschaftskrieg zwischen Bewunderung und Diskriminierung der Pflanzen getobt haben mag, wie er auch zwischen den Therapeuten der Naturheilkunde und der strengen sog. wissenschaftlichen Richtung zu beobachten ist. Standhaft und ideenreich hat Dr. Fintelmann in seiner Position eine Arbeit geleistet, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Man möchte fast versucht sein zu meinen, daß manchmal ein Einzelkämpfer in unserer durch Bürokratie und Interessenlobby zugeschütteten Demokratie noch etwas bewegen kann. Wenn der Wissenschafts-Wirtschafts-Konzern-EG-Lobby dieses auffällt, wen wird sie wohl durch die Politik auf diesen freiwerdenden Stuhl drücken, um eines der letzten Umsetzungsschlupflöcher so wirkungsvoll zu schließen, damit die Verabredung 1992 nicht gestört wird? Oder sollte sich wirklich ein Einzelkämpfer mutig und freiwillig darauf niederlassen? – Das Herz könnte einem im Leibe jubeln bei diesem Gedanken!

Ohne Panik zu machen oder unsere sachlich-fachliche Mitarbeit zu verweigern, müssen wir uns nach dem, was man beobachtet, für alle Fälle warm anziehen. Dazu gehört auch, mutige Einzelkämpfer zu stützen. Aber es ist wohl an der Zeit, daß sich die gemeinsamen Interessen zur Erhaltung der Naturheilkunde vernetzen, um jederzeit schnell und wirkungsvoll handeln zu können.

Es gibt zu viele einzelne Interessengruppen, die sich manchmal geradezu rührend für die Naturheilkunde einsetzen. Am Computer im Wohnzimmer werden die Mitglieder, deren Zahlen 3- oder höchstens 4stellig sind, mit den nötigsten Informationen versorgt. Auffassungsunterschiede unter diesen Gruppen werden zu Gegensätzen, wiewohl es um eine gemeinsame Sache geht. Gegensätze werden oft mit mehr Intensität ausgetragen als es gut ist: »Naturheilkunde ja, aber ohne die!« Es gibt auch Organisationen, die einmal einen Ruf hatten, die überaltert dahindämmern, politisch drittrangig, Vergangenheitsbewältigung betreiben und in erster Linie den Funktionären dienen.

Wo ist die große Organisation, die alles vernetzt?
Millionen von Patienten, Zigtausende von Therapeuten, die Hersteller der biologischen Heilmittel, die alle zusammen den Millionen von Patienten dienen unter dem Stichwort Naturheilkunde, natürliche Lebensweise, Kneipp usw. usw...  Dahinein gehören alle mündigen Bürger, die die stete Bevormundung satt haben, Selbsthilfegruppen usw. Es ist ohnehin erstaunlich, daß sich erwachsene Menschen solange vorschreiben lassen, was für sie gut ist. Solch eine vernetzte Organisation müßte mindestens im gleichen Maße wachsen, wie die bevormundenden Parteien abnehmen – und das ist doch schon was!

Und damit nichts mißverständlich ist: Es geht nicht um Parteipolitik, sondern um das Selbstbestimmungsrecht des Bürgers und die in einer pluralistischen Gesellschaft selbstverständliche Therapiefreiheit.

Wo sind wir denn eigentlich?... Na also!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/1989