EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wenn die Frühlingswinde sich in die Wärme des Sommers hineinstabilisieren, im schönen Monat Juni, findet alljährlich der Deutsche Heilpraktikertag statt. Dabei ist zweifellos ein milder Abglanz der zunehmenden Stabilität auch auf diese Veranstaltung gefallen. Die Themen der Heilpraktikertage machen jeweils die Probleme und die Diskussionen darüber deutlich.

1984 hieß es: Volks- und Naturheilkunde, zeitlos, zeitgemäß; 1985: Der Heilpraktiker im Gesundheitswesen; 1986: Naturheilkunde in der Diskussion; 1987: Heile Natur heilt; 1988: Für eine gesunde Zukunft und 1989 schließlich steht der Deutsche Heilpraktikertag unter dem Motto »Lebendige Tradition in der Therapie«.

Alle bewegt die Frage, ob 1989 etwa das Schicksalsjahr für die Naturheilkunde werden kann, denn Ende dieses Jahres läuft die Übergangsfrist für das Arzneimittelgesetz von 1976 ab – Anfang 1990 tritt es in kraft.

Hinter dem Stichwort »Nachzulassung« verbirgt sich eine nicht zu unterschätzende Gefahr, daß im Arzneimittelbereich vieles Therapiebewährte endgültig über Bord geworfen wird, unabhängig davon, daß es seinen segensreichen Nutzen lausende Male in der Praxis bewiesen hat. Es wird deutlich, daß der verlängerte Arm eines materialistisch-mechanistischen Wissenschaftsdogmas bis in die Kommission des BGA hineinreicht und dort kräftig mit dem Rotstift herumstreicht. Das Ergebnis sind Negativmonographien, obgleich positive Erfahrungen mit den entsprechenden Heilpflanzen vorlagen. Auch in Kombinationspräparaten sollen nur noch Pflanzen miteinander verknüpft werden, deren Kombination einem kameralistischen Wissenschaftsdenken als sinnvoll erscheint:

Für die Leber nur Leberpflänzlein, für die Niere nur Nierenpflänzlein, für das Herz nur Herzpflanzen – was hat schließlich auch das Herz mit dem übrigen Menschen zu tun? Der triumphale Beweis dieser Tatsache ist schließlich deutlich erbracht: Hat sich nicht schon mancher, der mit seinem eigenen Herzen hätte sterben müssen, von ihm getrennt und mit einem anderen, transplantierten immerhin etwas länger gelebt?

Wenn die Naturheilkunde die Konsequenzen dieser absoluten Denkweise ablehnt, so geschieht das weder, weil sie diese eventuell nicht nachvollziehen könnte oder sich etwa aus nostalgischen Gründen einer liebenswerten Tradition hingeben wollte,  sondern aus der klaren Einsicht, daß hinter den Vorgängen des Lebendigen mehr steckt als die Summe seiner Teile und daß erst der Zusammenhang und das Zusammenspiel Funktionen und Funktionieren sinnvoll machen. Deshalb das Motto »Lebendige Tradition in der Therapie«.

Wir sollten uns, meinen wir, nicht ohne Grund und schon gar nicht ein für allemal gesetzlich geregelt von einem traditionellen und bewährten  Zusammenhangsdenken verabschieden – noch dazu, wenn dieser Denkansatz zu therapeutischen Erwägungen in der täglichen Praxis führt, die unseren hilfesuchenden Mitmenschen Linderung und Heilung bringen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1989