EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

freilich will die Naturheilkunde aus ihrem Selbstverständnis heraus angewandt werden. Was würde schon eine homöopathische Arznei bewirken, die lediglich aufgrund einer klinisch diagnostizierten Indikation gegeben würde, wenn nicht Modalitäten und personotrope Hinweise mit einbezogen würden?

Was würde schon die Akupunktur im Bereich der energetischen Medizin leisten, wenn nach klinischen Diagnosen ein Punkte-Patentrezept gestochen würde, ohne die individuelle Energielage nach den Prinzipien der chinesischen Akupunkturlehre zu berücksichtigen?

Zu vieles von dem wertvollen Erfahrungsgut, das sich in Jahrhunderten bewährt hatte, ist schon in Vergessenheit geraten. Der Rest droht in einem technischen Gesundheitswesen nach lediglich materiell-stofflichen Gesichtspunkten gesichtet und »bereinigt« zu werden. Daß in diesem Prozeß auch die Geburtsstunde der Nebenwirkungen liegt, scheint man entweder nicht zu begreifen, nicht wahrhaben zu wollen oder gar leichtfertig in Kauf zu nehmen. Wissen wir wirklich, von welchen Inhalten wir uns verabschieden mit restriktiven Maßnahmen z. B. im Arzneimittelbereich?

Die Sucht nach sog. Wissenschaftlichkeit, nach Systematisierung, Normierung, Perfektionismus und Bürokratismus läßt uns vergessen, daß es sich bei der Medizin und Pharmazie – ebenso wie beim Leben selbst – um dynamische Prozesse handelt, die sich zuallererst an ihrem Erfolg in der Praxis messen lassen sollten, ehe sie statistischen Regelungen und Vorschriften genügen.

Dabei muß hinter traditionell Bewährtem in der Heilkunde gar nicht immer eine Weltanschauung oder ein wohlbegründetes Heilsystem stehen – manchmal sind es auch »nur« ganz pragmatisch weitergegebene Erfahrungen von etwas, was wirkt und hilft: Kniffe, »Tricks«, Tips, die den Praxisalltag mitbestimmen.

Auch dies alles hat ein Recht weiterzuleben, bewahrt und erhalten zu werden.

Lassen Sie sich unsere Ausgabe »Praxisalltag« gefallen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1989