EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es gehört der Vergangenheit an, daß man vom Philosophen, vom Lehrer, eine spannungsvolle Einheit von Denken und Leben verlangte. Das von einzelnen Persönlichkeiten verkörperte Denken wandte sich an die Einzelpersönlichkeit, orientierte sich an der Bildungsidee und hatte seine Heimat in den Universitäten. Nicht mehr Lehre und Orientierungshilfe des einzelnen ist die Aufgabe der Philosophie, sie ist in zwei große Bereiche zerfallen: einmal in die fachliche Auseinandersetzung im Expertenkreise und dann in einen Bereich der politisch-öffentlichen Kritik.

Nun muß diese Aufspaltung des Denkens nicht von sich aus negativ sein, wenn Theorie und Praxis, System und Lebenswelt durch ein kommunikatives Band der Auseinandersetzung im positiven Sinne verknüpft werden. Schließlich war die Ausweglosigkeit der Vernunftkritik in der Philosophie immer deutlicher geworden. Die generalisierende Vernunft wurde als ein Produkt menschlicher Arbeit und rein instrumentell gesehen, als ein Werkzeug lediglich von Herrschaft, Unterdrückung des Besonderen, Individuellen, das sich mit fortschreitender Geschichte immer lückenloser durchsetzt. Schließlich war die Frage, ob es denn eine vernünftige Kritik dieser instrumentellen und verdinglichten Vernunft überhaupt geben könne. Die Antwort konnte – auch bei Adorno – nur negativ ausfallen. Sein Schüler Jürgen Habermas, der im vorigen Monat 60 Jahre alt wurde, hat den verdinglichten Vernunftbegriff erweitert um die kommunikative Vernunft. Hierin kehrt auch etwas zurück von der Sinnhaftigkeit, deren Verlust wir Naturheilkundler nicht nur im Bereich der Medizin, sondern im Bereich des gesamten Denkens und Handelns beklagen.

Habermas meinte, daß die Reproduktion der menschlichen Gattung sich nicht allein in den Formen zweckgerichteter Arbeit vollzieht, sondern ebenso in zwischenmenschlicher Verständigung. Neben die instrumentelle tritt die kommunikative Vernunft. Erst die zwischenmenschliche Verständigung enthält für Habermas unausgesprochen die Maßstäbe und Kriterien, die eine vernünftige Vernunftkritik und damit eine kritische Theorie erst ermöglichen. Die lediglich instrumentelle Vernunft, also die Technokratie, das von Medien, Geld und Macht koordinierte System gesellschaftlicher Selbsterhaltung, drohen heute die kommunikative Vernunft, die Interaktion, zu überwältigen. Habermas meint, das System ist dabei, „die Lebenswelt zu kolonisieren“.

Praxis, die einmal das gute Leben im Blick hatte, wird von Technik, von den Zwängen des Machbaren aufgesogen. Es ist dasselbe bedrückende Gefühl, das die Naturheilkunde gegenüber einem lediglich nach dem technischen Machbarkeilsprinzip angetretenen Medizinbetrieb hat. Die Wahrheit aber von Aussagen in letzter Instanz ist an die Intention des wahren Lebens gebunden und nicht durch systemische Wahrheit zu ersetzen. Schwindet diese Intention, die uns von Anfang unseres Menschseins an begleitete, dann schwindet damit die Möglichkeit von Wahrheit überhaupt.

Die Verschiebung des alten Gleichgewichts zwischen den Vernunftsformen, nämlich der instrumentellen und der kommunikativen, gibt Anlaß zur Beunruhigung, wie es denn in der Zukunft weitergehen soll. Unsere politischen und sozialen Anliegen als Menschen für die Zukunft werden durch rein systemisches Denken bedroht, das sich durch Phrasenhaftigkeit und Opportunismus politisch-öffentlicher Rede in die Allgemeinheit transportiert.

Unsere Hoffnung in die Zukunft kann nur eine Versöhnung der in sich selber zerfallenen Moderne sein, die Vorstellung, daß man Formen des Zusammenlebens findet, in der Autonomie und Abhängigkeit in ein befriedetes Zueinander treten. Gegenseitigkeilen und Distanzen, Entfernungen und gelingende Nähe, Verletzbarkeiten und „komplementäre Behutsamkeit“ – all diese Bilder von Schutz, Exponiertheit und Mitleid, von Hingabe und Widerstand steigen aus einem Erfahrungshorizont des freundlichen Zusammenlebens auf „Diese Freundlichkeit schließt nicht etwa den Konflikt aus; was sie meint, sind die humanen Formen, in denen man Konflikte überleben kann“ – sagt Habermas.

Die Anerkennung der Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens ist eine Grundlage naturheilkundlicher Denkweise. Höchstes Ziel aller naturheilkundlichen Bemühungen sind das Begreifen eines Individualschicksals in seinen komplexen Gesamtzusammenhängen und eine konsensfähige Eingliederung dieses Individualschicksals in unsere Gesellschaft.

Schön für uns Naturheilkundler, uns mit unserem Bemühen in so guter Gesellschaft mit der Philosophie und engagierten Denkern zu wissen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1989