EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Herr Blüm macht Ernst: Die erste Rechtsverordnung zum Ausschluß »unwirtschaftlicher Arzneimittel« aus der Krankenkassenerstattung nach § 34 Abs. 3 des Sozialgesetzbuchs liegt auf dem Tisch und soll am 1.1.1990 in Kraft treten. Welche Folgen das für das Erstattungsgebaren der privaten Krankenversicherungen und der Beihilfe haben wird, bleibt abzuwarten, aber nach allen Erfahrungen muß man mit gewissen Folgen rechnen.

Wenn auch nach dem Buchstaben des Gesetzes alle Arzneimittel in dieser RVO gleichbehandelt worden sind, trifft diese – wie alles in letzter Zeit – die Naturheilmittel wieder einmal mit besonderer Härte. Denn wenn sich einige auch wirtschaftlich zarte Pflänzchen der Naturheilmittel durch den Ausschluß aus der Kassenerstattung für den Hersteller nicht mehr rechnen, so gehen diese auch für die freie Rezeptur verloren.

Sind das alles Maßnahmen, die uns konsequent und »konzertiert« auf das gemeinsame Europa vorbereiten? Argumentiert wird das Ganze mit dem Kostendruck. Der Anteil der Arzneimittelausgaben ist gemessen an den gesamten Leistungen von 1980 bis 1988 von 14,6% auf 16,1% gestiegen. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern der Politik das Argument, daß Milliarden im Jahr für Arzneimittel »mit therapeutisch umstrittenem Nutzen oder in unzweckmäßiger, gesundheitlich oft sogar bedenklicher Zusammensetzung« ausgegeben würden. Wieso man dann mit der RVO die Kassen nur um 180-220 Millionen zu entlasten hofft, bleibt freilich ein Rätsel, denn an Radikalität fehlt es ihr keineswegs.

Es bot sich natürlich an, zunächst einmal alle nach der Übergangsregelung des neuen AMG als fiktiv zugelassenen Mittel aufs Korn zu nehmen – ganz gleich, ob diese sich in Jahrzehnten bewährt hatten oder nicht. Und mit so dehnbaren Formulierungen wie »... die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten... « läßt sich natürlich trefflich in den Naturheilmitteln herumstreichen. Was ist schon wirklich notwendig?

Augenscheinlich können die nebenwirkungsfreien Naturmittel bei dieser Rechnung mit dem spektakulären Hubschrauberflug eines Nierentransplantats zwischen den großen chirurgische Zentren unserer Republik nicht konkurrieren. Das Ausheilen von Krankheiten steht wie die Gesundheitspflege in schlechtem Ansehen.

Ist es denn wirklich kostensparender, starke Rheumaschmerzmittel in Form von »wirtschaftlichen« Monosubstanzen zu verordnen, wenn dadurch 1/3 der zur Transplantation anstehenden Nieren sozusagen hausgemacht sind?

Aber wie heißt es da in der RVO so schön tröstlich: »lm allgemeinen stehen anstelle der ausgegrenzten unwirtschaftlichen Arzneimittel Mittel mit nachgewiesenem oder höherem therapeutischen Nutzen zur Verfügung. «

Nutzen für wen? – frage ich mich.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1989