EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

man kann machen, was man will, man kommt nicht umhin, über die Negativliste zu schreiben, will man die Leserschaft einer naturheilkundlichen Fachzeitschrift mit einem Thema begrüßen, das diese zutiefst berührt.

Zwar haben die kritischen Stellungnahmen der betroffenen Verbände und Berufsstände und auch deren ablehnende Haltung bei der Anhörung zum Referentenentwurf der Negativliste ein wenig Bewegung in die Diskussion gebracht, aber in der Sache selbst hat sich an den katastrophalen Auswirkungen für die Naturheilmittel nichts geändert. Es ist das übliche Bonner Spielchen abgelaufen: In Form eines Referentenentwurfs setzt man etwas in die Welt, das weder die Bevölkerung noch die betroffenen Berufsgruppen hinnehmen können. Fallen die Konsequenzen aus den solcherart in die Welt gesetzten Tatsachen niemandem auf, hat man es relativ einfach mit uns und macht schnell eine Verordnung daraus.

Diesmal hat es Gegendruck gegeben und so mußte man sich etwas einfallen lassen. Und wie immer, wenn man nicht bereit ist, an den Tatsachen noch etwas zu ändern oder diese schon lange vorher in bestimmten Kreisen verabredet oder versprochen waren, arbeitet man, um den Anschein von demokratischen Spielregeln zu wahren, mit dem Faktor Zeit – und selbst das noch sehr zögerlich. Man stellt in Aussicht, daß das Inkrafttreten der Nichterstattung der in der Negativliste aufgeführten Arzneimittel um 1/2 Jahr – also auf den 1.7.1990 – verschoben wird, und weil auch das auf heftigen Protest stößt, deutet man an, daß es für die Mittel der besonderen Therapierichtungen auch der 1.1.1991 werden könnte.

Wie sagt der Volksmund so schön? - »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« - Sehr richtig!

Die Tatsache selbst, daß alle Kombipräparate der besonderen Therapierichtungen, die mehr als sechs Partner beinhalten, aus der Erstattung herausfallen sollen, bleibt unerbittlich bestehen, wobei zu erwarten ist, daß sich die Beihilfevorschriften – und wer weiß, eines Tages auch die privaten Krankenversicherungen? – unter Umständen diesem Erstattungsgebaren unter dem berühmten Schutz der sog. Wissenschaftlichkeitsklausel anschließen werden.

Es soll dabei bleiben, daß die aus dem Hut gezauberte Zahl 6 die Höchstgrenze der Kombinationspartner markiert. Das BGA hat sich noch nicht erklärt, was in diesem Zusammenhang denn der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis sei. Also erledigt dieses ein sachfremdes Ministerium per Behauptung und die wissenschaftliche Behörde ist evtl. ganz erleichtert, die undankbare und auch politisch brisante Aufgabe, den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst gewissenhaft ermitteln zu müssen, los zu sein.

Das ist schon ein tolles Stückchen,  wenn es so kommen sollte. Wir alle sind aufgerufen, den Finger in die Wunde zu legen.

80% der Bevölkerung haben sich für die Naturheilkunde ausgesprochen, 44% haben selbst schon einmal Naturheilmittel genommen und wollen diese auch behalten. Warum in Gottes Namen muß eigentlich eine Politik betrieben werden, die diesem überhaupt nicht Rechnung trägt???

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 10/1989