EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch die Medizin lebt von Trendwellen und Moden. Immer wieder einmal macht eine andere Diagnose oder Therapie, ja manchmal sogar – wie bedenklich – eine Krankheit eine erstaunliche Karriere. Von den Fachzeitschriften bis zur Regenbogenpresse liest man nichts anderes, in Gesundheitsmagazinen hört und sieht man nichts anderes als dieses im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit stehende Trendproblem.

Erfolgreich praktizieren konnte man dieses erst, seit wir die Gesundheit nicht mehr als das Ergebnis einer natürlichen und gesunden Ernährungs- und Lebensweise als Gesamtheit sehen, sondern durch Analyse anfingen in Teilaspekte aufzuteilen, manchmal sogar das Ganze geradezu zu atomisieren. Das Spezialistentum, das sich auf Teilgebiete stürzte, wobei jeder das seine für das wichtigste hielt, tat ein übriges, um den Überblick über die Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten des großen Ganzen – nicht einmal mutwillig, nein, fast logisch und konsequenterweise – aus den Augen zu verlieren.

So kommt es beim jeweiligen Trend zu Überbetonungen und Übertreibungen, als läge alles gesundheitliche Übel am Mangel dieses einen Trendphänomens. Ein Jahrzehnt lang hatte man erfolgreich die Vitamine »ausgeschlachtet«, dann die Mineralien und man hat sogar versucht, die Unentbehrlichkeit der in ihrer Funktion wahrlich nicht einfach zu erfassenden Spurenelemente – einzeln oder in ihrer Gesamtheit – dem unbedarften Bürger ähnlich wie die Unentbehrlichkeit des Waschpulvers nahezubringen.

Dabei kann dem einen oder anderen Stoff – wie es sich beim Vitamin E andeutet – eine ganz hervorragende Bedeutung in der Prophylaxe oder spezifischen Therapie zukommen. Hoffen wir, daß dann die pausenlose und verwirrende Vermarktungsvielfalt nicht zu Überdruß und mangelnder Akzeptanz führt.

Wenn wir uns in unserer Fachzeitschrift schwerpunktmäßig mit den Mineralstoffen befassen, geschieht das freilich nicht, ohne deren Bedeutung in das Zusammenspiel der funktionellen Ganzheit zu stellen.

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 01/1990