EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Mensch hat einen unstillbaren Drang nach Einteilung und Gliederung. Nichts stört ihn so wie eine Vielzahl von Phänomenen, die beziehungslos oder auch nur scheinbar beziehungslos nebeneinander stehen. Er hat nicht eher Ruhe, bevor nicht alles zusammengefasst und eingeteilt ist in Gruppierungen – möglichst Ober- und Untergruppierungen.

Dieses Ordnen ist ein legitimes Mittel, Dinge durch ihren Bezug zueinander durchschaubar, zumindest aber verständlich zu machen, denn indem wir die Systematik verstehen, haben wir auch die in diese Systematik eingebauten Teile fest im Griff und müssen bei Bedarf nur die entsprechende Schublade ziehen. Nicht zuletzt unter ökonomischen Gesichtspunkten ist das ein durchaus berechtigtes Interesse.

Es ist darüber hinaus überhaupt die Frage, ob wir Menschen ohne das Hilfsmittel dieses Orientierungssystems mit der Vielzahl und Vielfältigkeit von Erscheinungen, Eindrücken und Begegnungen leben könnten, ohne die zum Überleben notwendige Konzentration auf die eigene Identität zu finden.

Bei allem Drang aber zur Perfektion der Systematisierung dürfen wir – und besonders wir Naturheilkundler – nicht vergessen, daß sich diese Perfektion nur erreichen läßt, wenn es um die Systematisierung von Dingen geht, deren Gesetzmäßigkeifen wir bis ins letzte kennen.

Im Bereich des Lebendigen sind wir nicht im Besitz der letztendlichen Erkenntnis und müßten folglich die Systematisierung dem überlassen, der die Gesetzmäßigkeiten kennt. Für uns als Heilbehandler bedeutet das, daß wir dieser Tatsache mit Respekt begegnen. Unsere Arbeit ist der Versuch, uns über Anschauungsmodelle und Arbeitshypothesen, die sich bewährt haben, anzunähern.

Diese Arbeit hat eine Jahrhunderte, z. T. Jahrtausende alte Erfahrung für sich. Daraus zieht sie die Berechtigung zur immer wiederholten Anwendung zum Wohl kranker Menschen. Und zur sinnvollen Anwendung gehört, daß die Erfahrung lebendig bleibt, d. h., daß immer wieder überprüft wird, ob das Vorstellungsmodell in der Anwendung erfolgreich war und gestimmt hat.

Herzlich ihr


Naturheilpraxis 05/1990