EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Medizin und Medizingeschichte sind zweierlei. Die erstere steht an der Front – im Kampf gegen die Krankheit, die zweite hat diesen Kampf hinter sich, ist Geschichte geworden. Man kann sie lesen, Betrachtungen darüber anstellen, man kann vom Podest des heutigen Wissensstandes aus manches belächeln, z. B. frühere Vorstellungen über medizinische Zusammenhänge aus »alten« Weltbildern.

Aber wie gesagt: Das ist eine Sache für sich und hat mit dem aktuellen Medizinbetrieb nichts zu tun. Dieser hat sich verselbständigt, hat eine Eigendynamik in der technischen und nicht zuletzt auch wirtschaftlichen Expansion entwickelt. Es bleibt ihm keine Zeit für einen Blick zurück. So etwas wird meistens als sozialromantische Zeitverschwendung eingestuft und abgehakt. Leider geht dabei gleich mit verloren, daß es auch Rückbesinnung sein könnte.

ln kaum einer anderen Disziplin wie der Medizin besteht die Geschichte lediglich aus der Geschichte der Neuzeit, nämlich seit dem letzten Paradigmenwechsel von der Humoral- zur Zellularpathologie. Das Paradigma ist längst zum Dogma geworden, und so gibt es keinerlei Beunruhigungen. Alles ist fest im Griff.

Und gibt es mal Erscheinungen, die unverhofft oder schwer erklärbar sind, so ist man eher bereit, Verrenkungen innerhalb des eigenen Weltbildes zu machen, als eine ganz plausible aus einem anderen Paradigma zuzulassen. Das nämlich würde denn doch zu sehr beunruhigen, da spürt man eine unbestimmte Angst, daß man sich damit eventuell den festen Boden unter den Füßen wegziehen könnte, auf dem man unerschütterlich steht, wo man nach festen Regeln agieren kann und wo die Grenzen der eigenen Verantwortung fest umrissen sind, wenn man nur »lege artis« handelt und wo keiner von einem verlangen kann, diese Grenzen durch Kreativität zu durchstoßen – und sei die Not eines Patienten auch noch so groß.

Die Naturheilkunde möchte ermuntern, möchte aufrufen zur Rückbesinnung darauf, daß der Mensch ein offenes System ist, in das nicht nur hineingestopft werden darf – auch nicht nur »Arzneien« –, sondern das ebenso sinnvoll entleert, entgiftet werden muß. Auch die moderne Medizin wird nicht länger um die Tatsache herumkommen, daß die Qualität unseres menschlichen Feuchtbiotops, in dem unser höher ausdifferenzierter Organismus schwimmt, ganz wesentlich über Krankheit und Gesundheit entscheidet und vielleicht sogar über unser Überleben.

Lassen Sie sich deshalb unseren Schwerpunkt ALTE HEILWEISEN gefallen.

Herzlich ihr


Naturheilpraxis 06/1990