EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ursprünglich sollte es ja eine Wirtschaftsgemeinschaft werden, nämlich die EWG. Nun kommt – schneller als von vielen erwartet – die EG und der Binnenmarkt. Er erstreckt sich auf alle Gebiete des alltäglichen Lebens. Dabei bleibt es in der Eile nicht aus, daß alles ein wenig wie Wirtschaftsgüter behandelt wird, die ja in erster Linie nur Marktprobleme haben.

Einige Bereiche des menschlichen Lebens lassen sich aber nicht unter lediglich geschäftlichen Gesichtspunkten regeln und dazu gehört der Bereich der menschlichen Gesundheit und damit der der Behandlung von Krankheiten. Die Heilkunde eines Volkes ist ein substantieller Bestandteil seiner kulturellen Entwicklung, die bei den einzelnen Völkern Europas durchaus unterschiedlich verlief, und so läßt sich eine Vereinheitlichung besonders der traditionellen Heilkunde der einzelnen Staaten nicht einfach mit einem Federstrich oder in diesem Fall mit EG-Richtlinien, die eigentlich EWG-Richtlinien sind, herbeiführen, ohne der Gefahr einer Gleichmacherei auf niedrigstem Niveau zu verfallen, das gerade einem so hochrangigen und vitalen Rechtsgut wie der menschlichen Gesundheit absolut unangemessen ist. Diese Gleichmacherei würde Deutschland – als das traditionelle Land der Naturheilkunde – in ganz besonderem Maß treffen.

Man kann doch nicht die Homöopathie bei uns verstümmeln, nur weil diese in anderen Ländern relativ unbekannt ist und man nach dem Motto verfährt: Was ich nicht kenne, kann ein Risiko enthalten und muß deshalb aus »Verbraucherschutzgründen« verboten werden.

Es kann doch nicht Sinn des Vereinigten Europa sein, daß die Naturheilkunde bei uns Jahrhunderte als Tradition gepflegt und immer wieder zum Wohl der hilfesuchenden Menschen in unserem Land angewandt wurde – eine Naturheilkunde, die noch dazu in ihrem Arzneimittelschatz in den letzten eineinhalb Jahrzehnten von den Kommissionen für die besonderen Therapierichtungen beim Bundesgesundheitsamt in bezug auf ihren wissenschaftlichen Erkenntnisstand mit viel Mühe durchgearbeitet wurde – damit jetzt alles unter den Tisch fällt, weil die Länder, die sich nicht um diese Heilweisen und ihre Mittel gekümmert haben, Abstimmungsmehrheiten herbeiführen können.

»Das kleinste gemeinsame Vielfache« ist kein Patentrezept für die Belange der menschlichen Gesundheit. Das taugt allenfalls noch für die Wirtschaftsgüter, die man sich möglichst erfolgreich und ungehemmt in einem freien Markt gegenseitig und zum eigenen Vorteil verkaufen will. Nationale Vorbehalte und Übergangslösungen, die einer angemessenen Entwicklung den nötigen Spielraum geben, sind das mindeste, was man verlangen kann.

Wenn der Verbraucherschutz gewahrt ist – und wo ist er es so wie im Bereich der naturheilkundlichen Heilweisen und ihrer Mittel – muß doch die Verordnungs- und Therapiefreiheit nicht willkürlich eingeschränkt werden.

Herzlich ihr


Naturheilpraxis 07/1990