EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nun ist es soweit: die beiden deutschen Nachkriegsstaaten werden zu einem »einig Vaterland«. In den politischen Einschätzungen und Stellungnahmen ist man allen Schattierungen über dieses Ereignis begegnet, von der deutsch-nationalen Einfärbung an der rechten Seite des Spektrums bis hin zu linker Skepsis, die freilich eher ideologisch begründet war und einfach nicht wahrhaben wollte, daß der einzige sozialistische Staat auf deutschem Boden den Gang alles Irdischen gehen muß, weil er allzu sehr an den ganz normalen Lebensbedürfnissen der Menschen vorbeiregiert hat und deren Geduld, an der »ideologischen Erneuerung« der Welt mitzuarbeiten, gewaltig überstrapaziert hatte.

Der Blick auf das Jenseitige ist uns zwar auch aus unserer Religion nicht fremd, aber es darf sicher nicht soweit gehen, das gegenwärtige Leben auf dieser Welt mit seinen Grundbedürfnissen total zu mißachten. Auch dieses ist offensichtlich eine Wegstrecke, die menschenwürdig durchschritten werden soll und die für das Gesamtgeschehen des Lebens auf dieser Welt und natürlich erst recht für den betroffenen einzelnen eine Bedeutung hat.

Die Naturheilkunde hat sich ideologisch und gleichzeitig ganz pragmatisch mit dieser Tatsache auseinandergesetzt und von Beginn an ihre Heilweisen mit dem dahinterstehenden Weltbild, oder wie man heute prosaischer sagt, mit ihren Arbeitshypothesen danach ausgerichtet, daß der Mensch zu seinem gesundheitlichen Wohl gleichzeitig mit der Natur in Einklang lebt.

So ist es nur ganz natürlich, daß nach dem ideologischen Purismus in der DDR, wo die Naturheilkunde praktisch auf dem Sterbebett lag, diese mit der Vereinigung eine neue Blüte erleben wird. Die Menschen dürsten danach, daß man sich endlich auf möglichst nebenwirkungsfreie Weise wieder einmal um ihre gesundheitlichen Belange und um ihr individuelles Wohlergehen kümmert.

Nachdem die Heilpraktiker in der DDR praktisch zum Aussterben verurteilt waren, wird es, den Bedürfnissen der Menschen angemessen, wieder Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker geben, zu denen die Menschen mit ihren Sorgen gehen können.

Die Vereinigung – ein guter Tag für Deutschland – ein guter Tag für die Naturheilkunde.

Herzlich


Naturheilpraxis 10/1990