EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Bereinigte Naturheilverfahren« finden hier und da vermehrt Eingang in die Medizin. Das Spektrum der Anwendung geht von der gelegentlichen Gabe eines pflanzlichen oder homöopathischen Kombinationspräparates statt eines chemischen Arzneimittels, der sogenannten »Allopathie mit Naturheilmitteln«, bis hin zum Bemühen, die Naturheilkunde aus ihrem Selbstverständnis heraus anzuwenden. Dabei sieht man die Naturheilverfahren in der Regel als rein therapeutische Möglichkeit, klinisch diagnostizierte Krankheiten mit einem naturheilkundlichen Patentrezept anzugehen.

Im Zielkreuz steht das zu einer Krankheit passende Naturarzneimittel. Von  zusätzlichen Erwägungen wie etwa der der Konstitution oder gar den individuellen Gegebenheiten einer Persönlichkeit hält man nach wie vor relativ wenig. Die Naturheilkunde ist aber in ihrer Gesamtausprägung eine Krankheits- und Gesundheitslehre von hoher Differenziertheit, die, um zu ihrer spezifischen Therapie zu kommen, auch ihre eigenen diagnostischen Überlegungen anstellt, die sich nicht nur auf die Krankheitsätiologie beziehen, sondern gerade die unterschiedlichen Krankheitsverläufe von unterschiedlichen Patienten gleicher Krankheitsätiologie ins diagnostische Kalkül zieht.

Wenn wir uns in der nächsten Zeit bestimmten Krankheitsbildern – vorzugsweise Systemerkrankungen – widmen, dann soll es uns besonders darauf ankommen, den breitgefächerten Denkansatz und das ebenso breitgefächerte Diagnose- und Therapiespektrum aufzuzeigen, mit dem man von unterschiedlichen Seiten an eine »Krankheit« herangeht. Viele Fragen aus dem jeweiligen Umfeld eines an einer Krankheit leidenden Menschen sollen aus dem vielfältigen Blickwinkel der Naturheilkunde gestellt werden, und diese Fragen sollen mögliche Antworten finden.

Der Mensch als ungeheuer differenziertes kybernetisches System mit einer Fülle von Störmöglichkeiten und einer noch größeren Fülle, diese in Symptomen zu signalisieren, muß als diagnostische und therapeutische Konsequenz eine absolute Offenheit dieser möglichen Vielfalt gegenüber verlangen, wenn nicht nur der Befund erhoben, das Symptom unterdrückt, sondern auch das Befinden des jeweils kranken Menschen erfolgversprechend angegangen werden soll.

Diesem Anliegen wollen wir ganz im Sinne echter Naturheilkunde dienen.

Herzlich


Naturheilpraxis 12/1990