EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Grundlage aller Naturheilkunde sind drei unverzichtbare Postulate:

  1. Respekt vor dem natürlichen Heilverlauf
  2. nur Maßnahmen einzuleiten, die natürliche Heilverläufe fördern oder begünstigen
  3. gezielte Bedingungen zu schaffen, deren natürliche Abwesenheit eine Krankheit erzeugen, unterhalten oder bedingen können.

Niemand wird den geringsten Zweifel daran haben, daß der Naturheilkunde mit dem 3. Grundsatz eine Aufgabe erwächst, die sie freilich nicht allein erbringen kann, sondern die der Anstrengung der ganzen Menschheit bedarf, will sie auch nur annähernd bewältigt werden.

Es steht außer Frage, daß Hunger und Not ein unübersehbares Maß von Krankheit und Elend erzeugen, und so ist der 3. Grundsatz denn der Aufruf der Naturheilkunde, gezielte Bedingungen zu schaffen, damit keine Krankheiten erzeugt oder bedingt werden. Der Aufruf geht an alle, aber nimmt auch die Naturheilkunde und die mit ihr identischen Berufsstände besonders in die Pflicht.

Warum soll man es an dieser Stelle nicht einmal sagen, daß sich unser Verlag, in dem unsere NATURHEILPRAXIS erscheint, ganz spontan und in beträchtlichem Umfang zur Linderung der Not im winterlichen Rußland engagiert hat. Warum soll man an dieser Stelle nicht einmal zu einem Engagement und zu Spenden aufrufen? Die menschliche Dimension gehört untrennbar zur Naturheilkunde als »Krankheits- und Gesundheitslehre«. In ihr gehört zum Leid das Mitleid, wie zum Befund das Befinden. Losgelöste und wertfreie Objektivität, die von nichts berührt wird, ist kein ideologischer Eckpfeiler der Naturheilkunde, sondern das subjektive und eingebundene Betroffensein, aus dem unser Handeln bestimmt wird – und das nicht nur für den Kranken, sondern auch für den Mitmenschen, damit er nicht krank wird.

Unsere Toleranz in den Wohlstandsländern ist selten auf die Probe gestellt worden. Es war bisher leicht, anderen alles mögliche zu gönnen, hat es uns doch nicht eingeschränkt. Ob unsere Einstellung anderen gegenüber nicht nur »Gleichgültigkeit« war, sondern echte Toleranz, die, wenn sie dem nächsten mehr gönnt, Opfer von einem selbst verlangt, diese Frage wird sicher in den nächsten Jahren beantwortet werden müssen.

Besitzstandswahrung ist der vergleichsweise kleinliche Aspekt gegenüber dem großen Entwurf der Gemeinschaft der Menschheit.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/1991