EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wenn man es denn ernst nimmt mit der Trinität von Geist, Seele und Körper, wie es unsere Naturheilkunde postuliert, dann muß man die Erscheinungsformen von Gesundheit und Krankheit auch immer wieder an dieser Trinität abspiegeln und darf diese Zusammenhänge nicht aus den Augen verlieren, will man grundsätzlich und gründlich diagnostizieren und behandeln.

Der Ausstieg aus dem Menschsein als echtem Gemeinschaftswesen in einer allumfassenden Kommunikation mit der Natur, die Einteilung der Welt in »Ich« und »Außer-Ich«, die Grenzziehung zwischen uns selbst und unserem Gegenüber mit dem Ziel zu mehr Objektivität unter Aufgabe einer vitalen und ursprünglichen Subjektivität, unsere Existenz – wie Alan Watts es sagt – als »hautverkapseltes Ich« haben sicher auch etwas mit dem vermehrten Auftreten von Hautkrankheiten als Reaktion darauf zu tun.

Man muß den »somatischen« Effekt evtl. auch auf seine »psychoneurotischen« Ursachen untersuchen. Auf keinen Fall kann man diese »Unebenheiten« nur von außen angehen, wie uns das die angeblich dermatologisch rückversicherte Kosmetikbranche in allabendlichen Werbefernsehsendungen weismachen will.

Es nützt sowieso alles nichts: Unvermittelt und unübersehbar bricht die Wahrheit durch die mit unendlicher Geduld aufgetragenen Salben- und Puderschichten hindurch und kein noch so kunstvoller Goldzierrahmen um den Kosmetikspiegel kann darüber hinwegtäuschen, daß das Gesamtbild höchst unbefriedigend ist, und es liegt durchaus nicht im Bereich des Unvorstellbaren, daß sich evtl. beim Hineinschauen noch ein kleines Ekelbläschen hinzugesellt.

Daß sich die Haut mit den Nerven gemeinsam aus dem äußeren Keimblatt entwickelt, darf ein Naturheilkundiger nie aus den Augen verlieren. Aus dieser gemeinsamen Herkunft heraus gesehen, ist der Begriff »Neuro-Dermitis« fast schon ein weißer Schimmel. Die klinischen Erfinder dieses »Mode-Krankheitsbegriffs« haben das sicher nicht so gesehen. Vielleicht finden auch sie eines Tages über die Fortschritte der Psychosomatik zu den Ursprüngen zurück.

Bis dahin bleibt es der Naturheilkunde vorbehalten, das Ganzheits- und Zusammenhangsdenken für vielfältige und effektive Therapieansätze zu nutzen, die »oberflächlich« gesehen nicht gleich ins Auge springen, aber oft verblüffend in ihrer Wirkung sind, weil sie den Kern treffen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/1991