EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bei den Schlagzeilen, die einem in unserem »Medienzeitalter« täglich um die Ohren geschlagen werden, müßte man, wie man irrtümlich meint, allumfassend informiert sein, wenn man jeden Morgen das Fettgedruckte in einer Zeitung mittleren Niveaus überfliegt. Weit gefehlt; und der Eindruck, der sich einem zuweilen nach einem mehrwöchige Urlaub in einer von Tageszeitungen ausgedünnten entlegenen Gegend aufdrängen möchte, wenn man im Flugzeug zurückkehrt und die erste  Zeitung aus der Heimat, die der Flieger, als sei das so wichtig, aus Deutschland mitgeschleppt hat, ist gar nicht so falsch, nämlich der Eindruck, daß praktisch nichts passiert sei, daß sich nichts verändert habe, daß man aber auf alle Fälle nichts versäumt hat.

Das liegt daran, daß die wichtigsten Nachrichten nicht immer im fettgedruckten Text stehen, sondern weiter hinten und kleiner gedruckt: es handelt sich um die eigentlichen Nachrichten, nämlich die Hintergrundberichterstattung.

Überhaupt kommt es in einigen lebenswichtigen Fragen ohnehin fast ausschließlich aufs Kleingedruckte an:

- Wer in einem Versicherungsvertrag, bevor er unterschreibt, nicht mit der Lupe das Kleingedruckte sorgfältig studiert, kann im Schadensfall bald einarmer Mann sein.

- Wer beim Lebensmitteleinkauf ständig die Brille fürs Kleingedruckte vergißt, kann im Erlebensfalle bald ein kranker Mann sein.

Die alte Weisheit guter Tischsitten, die sagt, daß das Auge immer mitißt, hat eine ganz neue ökologisch existentielle Dimension erfahren. Abgesehen von unzähligen Konservierungsstoffen sind die Farbstoffe in der Nahrung Trägerstoffe der Verführung für unsere Augen, die uns vom Kleingedruckten der Verpackung ablenken sollen. Insofern muß man heute auf eine ganz neue Weise mit dem Auge einkaufen.

Wie man es richtig macht, sollte man nicht irgendwelchen Zufallsratschlägen überlassen. Die vielen widersprüchlichen Ernährungsempfehlungen sind nicht angetan, einen besseren Überblick zu bieten, sie verwirren und führen zu Überdruß in diesem wichtigen Bereich und nachlassender Sorgfalt. Noch verheerender steht es mit den unzähligen »Diäten« zur kosmetischen Verbesserung der Körperformen.

Dieses Thema bedarf einer ernsthaften Behandlung und gründlichen Durchdringung. An dieser Stelle darf hier ruhig einmal der »Arbeitskreis für medizinische Ernährungstherapie« mit seinen Bemühungen positiv Erwähnung finden.

Wenn denn mit zunehmender Gewissheit wichtige Erkenntnisse ins Kleingedruckte Eingang finden, lassen Sie uns zum Wohle unserer Patienten zu fleißigen Lesern werden. Auf dieses existentielle Gebiet trifft wahrhaftig die Platitüde zu: »Richtige Ernährung ist zwar nicht alles, aber ohne richtige Ernährung ist alles nichts.«

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/1991