EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

abgesehen davon, daß alles in diesem Leben im Fluß ist, tut doch eine Standortbestimmung hin und wieder not. Wenn etwas heute im Widerstreit der Meinungen liegt, dann ist es die Naturheilkunde. Da bietet auch die Vielzahl der Namensgebungen keinen Ausweg, die als mit feinen Unterschieden versehene Beschreibungen des Gesamtphänomens »Naturheilverfahren« verstanden werden wollen, wie biologische Medizin, Erfahrungsheilkunde, alternative Heilverfahren, besondere Therapierichtungen u. v. m.

Will man nun fragen, wo sich die »Naturheilkunde im weitesten Sinne« heute auf ihrem Weg von der Ablehnung zur Anerkennung befindet, möchte man meinen, daß sie die Hälfte der Wegstrecke zumindest zurückgelegt hat, und will man den Standort benennen, müsste man feststellen, daß die Naturheilverfahren »in Mode« sind.

In solchen Zeiten haben diejenigen, die schon von jeher nur mit der Naturheilkunde umgehen, ein Recht, auf diese Tatsache hinzuweisen und sich von dem, was lediglich Mode ist, abzusetzen. Sie haben auch das Recht und – um der Sache willen – die Pflicht, sich gegen einengende Interpretationen der Naturheilkunde, womit die Gegner dieselbe immer wieder in die Ecke zu drängen versuchen, zu wehren.

Um die ganze Breite der Möglichkeiten der Naturheilverfahren deutlich zu machen, ist es dienlich, einmal auf deren Interpretation durch G. SENG zurückzugreifen. Für ihn handelt es sich bei den Naturheilverfahren:

1. um die klassischen Naturheilverfahren, die

a) in der Natur vorkommende Mittel und Erscheinungen benützen, z. B. Wasser, Licht (Sonne), Luft, Wärme, Kälte, Erde (Lehm, Moor, Schlick), Klima, Heilpflanzen, pflanzliche Nahrungsmittel;

b) auf natürliche Weise anwendbar sind;

c) keine schwerwiegenden Nebenwirkungen oder sog. Spätschäden zur Folge haben.

Darüber hinaus ordnet SENG unter die Naturheilverfahren solche ein, die in Mittel und Anwendung »nicht-natürliche Heilverfahren« sind, wenn sie eine Stimulierung der körpereigenen Abwehrreaktionen entsprechend der biologischen Grundregel (Arndt-Schulz) bewirken, weil sie darauf angelegt sind, die normalen Makro- und Mikrofunktionen am und im Organismus zu erhalten bzw. wieder herzustellen – also die Homöostase der Säfte und Kräfte.

»Ziel der Behandlung mit Naturheilverfahren«, meint SENG, »ist die Harmonisierung des sog. Grundregulationssystems«. Alle unsere Verfahren, die diesem Ziel dienen und nicht schaden, gehören dazu. In diesem Sinne unser Schwerpunkt PRAXIS.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1991