EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als die olympische Götterversammlung zur Vermählung Merkurs mit Philologia rüstet, stellen sich die Kardinaltugenden als Brautführer ein. Zu dieser Vermählung der Vernunft mit dem Wort sind auch die Künste und Wissenschaften geladen, die als Hochzeitsgeschenke ihre Eigenschaften und Fähigkeiten darbieten:

Die ehrwürdige Greisin Grammatica trägt in einem elfenbeinernen Kästchen Messer und Feile, um die Sprachfehler auszumerzen. Die kostbar gewandete Rhetorica bietet ihren Schmuck und ihre Waffen, die den Gegner tödlich verwunden, und die eher nüchterne Dialectica wirbt für ihre ein wenig trockene Kunst langatmiger Erwägungen.

Nach diesen Grunddisziplinen, den Trivialwissenschaften, treten dann die Realwissenschaften an die Tafel: Musica, Arithmetica, Geometria und Astronomia.

Die etwas verschlafene Jungfrau Medizin war nicht rechtzeitig zur Stelle, um das Hochzeitsmahl der Gelehrsamkeit zu schmücken. Der Heilkundige verharrte in der bescheidenen Rolle des biederen Klosterbruders, der seine Heilkräuter sammelte und Salbenpflaster schmierte – und das war gut so, denn das Fehlen der Medicina bei der Hochzeit sollte für das Schicksal der Heilkunde von größter  Bedeutung sein.

In einem der repräsentativsten Sachbücher des frühen Mittelalters, den Origines, beantwortet Isidor von Sevilla die Frage, warum wohl die Medizin unter den freien Künsten gefehlt habe, auf eine frappierende, aber völlig richtige Weise, indem er schreibt: »Jene enthalten nur die einzelnen Grundlehren, diese aber das Gesamt.«

Alle Wissenschaften sind nur Schemata eines enzyklopädischen Wissens, die durch das Verstehen und praktische Behandeln des gesunden und kranken Lebens erst mit »Blut, Leben und Sinn« erfüllt werden. Insofern stellt sich die Heilkunde als umfassend, für alle Bereiche des Lebens zuständig, als eine »zweite Philosophie« dar.

Dieses Umfassende verschließt sich in gewisser Weise einer schematischen Aufsplitterung, wenn es die Rückbesinnung und den Bezug zur Ganzheit verliert. Die Naturheilkunde lebt aus diesem Bewußtsein, daß die umfassende Tätigkeit eines Heilkundigen zwischen der Freiheit zur Vielfalt und einer nach ethischen Maßstäben ausgerichteten Selbstverantwortung angesiedelt ist.

Diese Freiheit gilt es zu erhalten. Regelungen, die in gewisser Weise die Verantwortlichkeit an die Gesellschaft delegieren wollen, müssen zwangsläufig die Freiheit der Vielfalt einschränken.

Vielleicht ist es für unsere Naturheilkunde ganz gut, daß wir nicht mit allen anderen systemischen Wissenschaften zusammen am »Hochzeitsmahl« teilnehmen. Wir sollten für die Freiheit kämpfen, »mal reinzuschaun« oder auch nicht. Nicht das System ist unser Endziel, sondern der kranke Mitmensch.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1991