EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Therapiefreiheit muß immer wieder verteidigt werden, dieses Mal die unverzichtbare Therapie mit Injektionen.

Harmonisierungsbestrebungen in Form von EG-Richtlinienvorschlägen, am Schreibtisch der Eurobürokratie geboren, durchlaufen einen zirka zweijährigen Weg durch Ausschüsse, Parlament usw., mit Möglichkeiten zu Änderungen, bis sie endlich formal zum Gesetz werden. Aber leider ist das nicht nur die Zeit sachbezogener Arbeit, sondern auch von Ungewißheit und Zukunftsangst, vor allem aber eine Zeit der großen Weissagungen über den endgültigen Ausgang, und es ist kein Geheimnis, daß diese Vorhersagen in erster Linie düster sind und in wundersamer Weise die Befürchtungen der »uneingeweihten« Berufsangehörigen bis zur glatten Existenzangst und Panik steigern. In diesem Zustand hängt man süchtig an den Lippen derer, die Abhilfe versprechen und hält selbst Rezepte, die man in nüchternem Zustand gerade noch wegen ihrer Unmöglichkeit nur müde belächelt hat, plötzlich für den einzigen Rettungsanker.

Dennoch werben auch Besonnene für Versachlichung des Dialogs auf der Grundlage einer detaillierten Aufklärung. Sie haben sehr früh die machbare Lösung erkannt, die den Interessen des Berufsstandes und denen anderer EG-Staaten gerecht würde, die nämlich Ende letzten Jahres in einem Bericht an den »Ausschuß der ständigen Vertreter« des Rates geboren wurde und eine – »von Ausnahmen abgesehen« – parenterale Verschreibungspflicht vorsah, statt einer ersatzlosen Streichung, wie sie letztlich auch im Parlament gescheitert war.

Vor wenigen Tagen, am 22. Juli, hat die Kommission im Benehmen mit der Fachbürokratie des Ministerrats eine Ausnahmelösung einvernehmlich verabredet. Die Richtlinie enthält einen Ausnahmespielraum, und die deutsche Seite gibt eine Erklärung über die Ausnahmen ab, die den Heilpraktikern das Zugangsrecht zu Arzneimitteln erhält, die lediglich aufgrund ihrer Darreichungsform (Injektion) verschreibungspflichtig werden. Diese Erklärung wird ins Protokoll aufgenommen.

Da sich diese Maßnahme auf eine ausdrückliche Ausnahmemöglichkeit der EG stützt und kein deutscher Gesetzgebungsakt nötig wurde, der die Heilpraktiker zu den nach EG-Vorschriften zur Verschreibung von Arzneimittel'! berechtigten Personen hätte machen müssen, ist eine sicher nicht ganz einfache Statusdiskussion vermieden worden.

Die Richtlinie hat zwar das Ende ihres Instanzenweges formal noch nicht erreicht, aber diese Lösung dürfte Bestand haben, da sich außer einer zweiten Lesung im Parlament nur noch die gleichen Gremien, die diese Lösung vereinbart haben, damit befassen. Der Berufsstand wird sicher weiter injizieren können wie bisher. Hier gebührt der Bundesministerin für Gesundheit und ihren Vertretern in Brüssel ein aufrichtiger Dank, daß sie sich tatkräftig für diese machbare Lösung, um die sie von besonnenen Berufsstandsvertretern schon sehr früh gebeten wurden, eingesetzt haben

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1991