EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

immer mehr Naturheilkundliches findet als sogenannte bereinigte Naturheilverfahren Eingang auch in die Überlegungen und zum Teil in die Praxis und Ausbildung der »wissenschaftlichen« Medizin. Ab 1993 ist z. B. die Phytotherapie fest im ärztlichen Studium und der Approbationsordnung verankert.

Jedem, dem die Gesundheit der Bürger am Herzen liegt, muß die Behandlung mit natürlichen Mitteln als grundsätzlichpositive Entwicklung erscheinen. Wichtig wäre allerdings darüber hinaus, daß nicht nur eine Allopathie mit gelegentlichen Gaben von Naturheilmitteln verknüpft wird, sondern dass sich auch die Sicht von Krankheit und Gesundheit mitentwickelt, ein mehr pluralistischer Denkansatz, der gleichzeitig zu mehr Toleranz der Wissenschaft gegenüber der Empirie führt und sich auch im Spektrum der unterschiedlichen Heilberufe im Umgang miteinander auswirkt.

Einige diagnostische und therapeutische Methoden der Naturheilkunde erfreuen sich allerdings einer ausgesprochenen Blüte und haben dennoch kaum eine »Chance« in der Hochschulmedizin: z. B. die Augendiagnose. Sie hat unzählige Angriffe überdauert, ist oft »wissenschaftlich« und zugleich mißverständlich von Medizinexperten, denen sie fremd war, »objektiv« überprüft und abqualifiziert worden.

Jedermann ist bewußt, daß eine Röntgenaufnahme wenig Auskunft über einen Diabetes gibt und vergißt, dass auch die Augendiagnose nur ein Mosaikstein der Gesamtdiagnostik ist.

Wer in Jahrzehnten bei zig Tausenden von Patienten niemals die gleichen Augenpaare gesehen hat, dem muß sich eingeprägt haben, daß das Auge als etwas ganz unverwechselbar Individuelles untrennbar zu diesem einen Menschen gehört und er muß diese Tatsache in seine Überlegungen eines individuellen Diagnose- und Therapieansatzes einbeziehen.

Hieraus folgt durchaus keine undeutbare Vielfalt, es gibt erhellende Erkenntnisse über anzunähernde Ähnlichkeiten in bezug auf eine Konstitution. Genetische Voraussetzungen eines Patienten und der Umgang mit seinen ererbten Schwachstellen im Laufe seines Lebens sind die hervorstechenden diagnostischen Möglichkeiten, die existente gesundheitliche Schwierigkeiten in einen Gesamtzusammenhang stellen und auch prognostische Aussagen in diesem Sinne erlauben.

Wir möchten in dieser Ausgabe wieder einmal über dieses naturheilkundliche Diagnoseverfahren berichten. Vielleicht interessiert Sie auch unser »Exklusiv-Interview« in den gelben Blättern, das sich erhellend mit den Schwierigkeiten befaßt, die aus Europa auf uns zukommen könnten.

Ihr


Naturheilpraxis 10/1991