EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Vielfalt der Pflanzenwelt ist nicht nur bestimmt von Unterschieden in der Farbe, in Geruch, Geschmack, verschiedenen Inhaltsstoffen usw., sondern in ganz besonderer Weise von Unterschieden in Strukturen und Mustern. Die Natur formt Muster. Manche scheinen ungeordnet im Raum zu sein, aber geordnet in der Zeit, wie die wiederkehrenden Veränderungen der Pflanzen in den verschiedenen Jahreszeiten.

Die Musterbildung ist heute ein wichtiger Zweig in der modernen Physik geworden, und weil man ihre grundsätzliche Bedeutung mehr und mehr als wichtiges Charakteristikum eines Stoffes erkannt hat, auch in der Materialkunde.

Die dynamischen Prozesse der Veränderung von Formen und Strukturen in Raum und Zeit scheinen von fundamentaler Bedeutung zu sein, auch für das bessere Verständnis lebendiger Prozesse. Aber erst heute, im Zeitalter der Chaosforschung, meint man das Rüstzeug dafür zu besitzen, Strukturen evtl. zu erforschen und zu deuten.

Eiskristalle z. B. formen sich in den Turbulenzen der Luft in einer wunderbaren Mischung von Zufall und Symmetrie. Beim gefrierenden Wasser bilden Kristalle zunächst Zacken, die dann weiterwachsen. Aus den instabilen Randzonen bilden sich erneut Zacken. Die Schneeflocken gehorchen damit verblüffend subtilen Gesetzen der Mathematik, und es war lange Zeit unmöglich vorherzusagen, mit welcher Geschwindigkeit eine Zacke in welcher Spitzform mit wie vielen Verzweigungen wachsen würde. Lange konnte man die Mustervielfalt nur festhalten und katalogisieren in Kristalle, Polykristalle, Platten, Säulen und Dendriten. Eine bessere Annäherungsmöglichkeit sah man nicht.

Heute stellt sich das Wachstum solcher Zacken als ein hochgradig nichtlineares Problem instabiler offener Grenzen dar. Will man Modelle für diese Vorgänge erstellen, bedeutet das, daß diese ein verwickeltes, komplexes Grenzverhalten nachzeichnen müssen. Wenn eine Schneeflocke aus einem Anfangskeim heraus erstarrt, so kann jeder winzige Grenzabschnitt, der über seine Nachbarschaft hinausragt, mehr Wassermoleküle binden und deshalb schneller wachsen und weitere Verästelungen und Unterverästelungen bilden.

Wenn man bedenkt, daß die Natur im Verlauf der Evolution diese unterschiedlichen Strukturen für Pflanzen als sinnvolle Überlebensmaßnahme und ebenso sinnvolle Ergänzung des Gesamtzusammenspiels herausgebildet hat, bekommt man eine kleine Ahnung davon, welche Bedeutung die Pflanze als biologische Einheit auch in der Heilkunde haben kann, die wir vielleicht in ihrer Ganzheit noch nicht erfassen können. Nicht umsonst hat die Naturheilkunde im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder mit Vorstellungsmodellen gearbeitet, die diesem Prinzip näher kommen, es aber zumindest nicht außer acht lassen wollten.

Vielleicht kann ein kleiner Gedanke daran unseren Schwerpunkt »Phytotherapie« sinnvoll begleiten.

Ihr


Naturheilpraxis 11/1991