EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in einem Jahr ist sie dann endlich da, die sich schon durch so viele Vorboten, wovon manche Angst und Schrecken ausgelöst haben, angekündigt hat: die EG. Sind die zwei Buchstaben eine Zauberformel? Und ist der 1.1.1993 ein magisches Datum, ab dem alles wird, wie es niemals zuvor war? Oder wird unser Leben nicht ganz ähnlich weitergehen, wie es auch bisher war?

Einen ganz scharfen Einschnitt – so von einem Tag auf den anderen – werden wir sicher nicht spüren. Das liegt aber nicht daran, daß die EG nun überhaupt nichts Neues mit sich bringt, sondern daran, daß vieles schon von so langer Hand vorbereitet war, daß der Übergang kaum merklich, eher fließend sein wird.

Seit über zehn Jahren werden nationalstaatliche Vorschriften schon auf die kommende EG ausgerichtet. Auch unser Arzneimittelgesetz, das AMG 76, konnte sich diesem Einfluß nicht entziehen, so daß eine zwar notwendige fünfte Novelle, aber keinesfalls das ganze Gesetz verändert. Es wird nur noch einige Angleichungen geben.

Manche Richtlinienentwürfe haben im Vorfeld Stürme der Entrüstung ausgelöst. Vieles konnte beeinflußt werden, manches bleibt unbefriedigend. Wenn man sich nicht einigen konnte, wurden nationale Sonderregelungen ausgehandelt oder mit Druck durchgesetzt. Aber, wie heißt es im Volksmund: »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« Nationale Vorbehalte werden sicher mit der Zeit unter den Druck der Gesamtgemeinschaft geraten, es sei denn, eine nationale Sonderregelung wird durch Überzeugungsarbeit innerhalb der Staatengemeinschaft auch anderen nähergebracht und erscheint allen als die bessere Möglichkeit. Hier ist jede Entwicklung denkbar.

Gerade die Naturheilkunde ist so ein Bereich, wo die Eingangsvoraussetzungen so ungeheuer unterschiedlich waren, wo Harmonisierungsversuche fast unmöglich erschienen und entsprechende Richtlinienentwürfe ins Kreuzfeuer gerieten. Was wir als Vertreter der Naturheilkunde für unsere Zukunft tun können, erschöpft sich nicht in strategischen Maßnahmen, sondern verlangt unsere unbedingte Treue zu unserer Überzeugung, aus der identisches Handeln folgen muß, der Dienst am kranken Nächsten zu dessen Wohl nach den Regeln der Naturheilkunde: Stärkung der Selbstheilungskräfte für die Bewahrung der Gesundheit und die Ausheilung von Krankheiten, statt Symptomenreparatur, Verschiebung von Krankheiten oder Erzeugung iatrogener Schäden durch Nebenwirkungen.

Warum soll die Naturheilkunde keine Chance in der Zukunft haben, wenn sich ihre Überlegenheit in der normalen Krankenversorgung herumspricht? Daß uns dabei die Pharma-Chemie keine Hilfestellung leistet, ist ja so neu nicht. Das war immer so. Aber deshalb dürfen wir nicht aufgeben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/1992