EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

noch ist der Donnergroll nicht verhallt, den die Negativliste auslöste. Noch ist das Echo von allen Seiten zu hören, und wenn es nachlassen sollte, gibt es genug Interessierte und von den Maßnahmen Betroffene, die das Thema in der Diskussion halten, und das ist gut so. Gott sei Dank haben nicht alle willfährig Vorleistungen erbracht und ihre Kombinationsmittel bis zur Unkenntlichkeit ausgedünnt, sondern kämpfen weiter und scheuen zum Teil auch nicht den Gang zum Bundesverfassungsgericht.

Die Rechtsverordnung nach Bundessozialgesetz § 31 soll Arzneimittel als unwirtschaftlich von der Versorgung ausschließen, wenn sie

- nicht erforderliche Bestandteile enthalten,
- aus einer Vielzahl arzneilich wirksamer Bestandteile bestehen,
- keinen nachgewiesenen therapeutischen Nutzen haben.

Der Vielzahlausschluß gilt nicht für Arzneimittel mit ausschließlich homöopathischen, anthroposophischen Zubereitungen oder mit ausschließlich phytotherapeutischen Bestandteilen.

Der Ausschluß erfolgt anhand einer der Verordnung beigefügten Bestandteilliste, die sich bei den besonderen Therapierichtungen auf die von den Kommissionen veröffentlichten Monographien beruft. Das scheint logisch und schlüssig zu sein, da in gewisser Weise die Beurteilungsautonomie gewährleistet ist – aber eben nur für die Einzelbestandteile. Im Bereich der Phytotherapie z. B. lässt sich diese Maßnahme nicht ohne weiteres auf die Kombinationsmittel übertragen, und man kann durchaus nicht postulieren, was an sich logisch erscheint, daß in einem Kombi-Mittel ein Bestandteil »nicht erforderlich« sei, weil dieser aufgrund von mangelndem »wissenschaftlichen Erkenntnismaterial« über seine Wirksamkeit als »Monosubstanz« eine Negativmonographie erhielt.

Der Ausschluß solcher Kombinationsmittel aus der Erstattung müsste aufgehoben werden, denn es bestehen bisher noch viel zu wenige selbständige  Kombinationsmittelmonographien der Kommissionen, die evtl. ganz andere Ergebnisse erbringen, als es die Betrachtung der Kombination als Summe der Einzelbestandteile ergibt.

Vielleicht ist das Ganze doch mehr – zumindest aber anders – als die Summe seiner Teile? Noch dazu, wenn jahrzehntelanger erstaunlich erfolgreicher Umgang mit bestimmten Mitteln diese Annahme nahe legt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1992