EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im Durchschnitt erhält jeder Deutsche über 60 jährlich 35 Verschreibungen von seinem Arzt. Von 1000 alten Mitbürgern nehmen 300 klinische Herzmittel. Wenn man davon ausgeht, dass diese Medikamente tatsächlich eingenommen werden, kämpfen in Deutschland 30% der Alten tagtäglich gegen manifeste Herzerkrankungen. Eine glaubhafte Schätzung geht davon aus, daß allerhöchstens 5% der über 60jährigen tatsächlich z. B. Digitalis-Präparate benötigen.

Grund für eine »exzessive« Verschreibungspraktik ist sicher das auch heute noch eklatante Missverhältnis zwischen Diagnose und Therapie in der Alltagspraxis. Die Computerisierung der Diagnoseverfahren wird zwar lokalistisch immer differenzierter, beleuchtet aber andererseits einen immer kleineren Teilaspekt einer organischen Störung. Keine Frage, daß die technischen Möglichkeiten der Diagnose nicht etwa berechtigt und auch segensreich sein können, ebenso wie die differenzierte und stark wirksame Arznei. Aber letztere hat den offensichtlich negativen Beigeschmack, daß sie sich durch flächendeckenden Einsatz amortisieren muß in ihren Entwicklungskosten und dass man zudem noch einen großen Gewinn einfahren will. Die dazugehörigen hochtechnisierten Diagnoseverfahren sind aufwendig und auch z. T. so teuer, daß sie nicht flächendeckend durchgeführt werden können. So werden diese Mittel denn auch ohne den ganz großen technischen Diagnoseaufwand verordnet, wenn ein Patient sich beim Onkel Doktor ans Herz faßt und klagt und wenn er dann noch die magische Grenze von 60 Jahren übersprungen hat.

Dabei würden oft auch einfachere Mittel aus dem Bereich der Naturheilkunde noch ein paar Jahre gut und gerne reichen, Mittel, die zu den diagnostischen Erwägungen der Naturheilkunde passen, den Diagnosen der sinnlichen Wahrnehmung, wenn man den älteren Menschen in seine Obhut nimmt. In seinem Gesicht ist viel geschrieben, seine Hände und Nägel geben Hinweise, seine Iris, und nicht zuletzt berichtet er so gern und ausführlich über all seine Probleme, aus denen sich eine fast differentialdiagnostische Anamnese herausschält.

Der ältere Mensch will die Zuwendung, nein, er braucht sie, er braucht sie mehr als jeder andere. Wir können ihn nicht mit einer Pille abspeisen. Wir können die Sicherheit einer kontinuierlichen Beobachtung und eines steten Befassens mit dem Alterspatienten nicht durch ein Medikament ersetzen, das dann aus Sicherheitsgründen so stark – oder besser: zu stark – ausfallen muß.

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 03/1992