EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als »Geißel der Menschheit« wird er bezeichnet, der Krebs, und oft auch mit dieser Bezeichnung als etwas Unabänderliches kategorisiert und abgehakt.

In einem Büchlein »Therapie tumorbedingter Schmerzen« hat die WHO einen Dreistufenplan zur medikamentösen Schmerztherapie vorgestellt, mit dem man 90% der etwa 3,5 Millionen unnötig an Tumorschmerzen Leidender helfen könnte.

Aber abgesehen von Krebs als summarischem und statistischem Problem, verbirgt sich hinter jeder Erkrankung ein Einzelschicksal, das bewältigt und angenommen werden will. Bei keiner anderen Therapie steht das Behandler-Patienten-Verhältnis so im Vordergrund wie beim Krebs. Ganz gleich, welche Therapie gerade vonnöten ist, muß dieses Verhältnis nach den naturheilkundlichen Prinzipien des »menschlichen Miteinander« ausgerichtet sein: gleichberechtigt, partnerschaftlich,

in Obhut nehmen, sich verantwortlich fühlen, Probleme gemeinsam durchstehen. Das uralte Sprichwort »Liebe ist die beste Medizin« erhält in der Krebstherapie eine neue Dimension. Es geht um die Lebensqualität, wohlgemerkt, nicht um die -quantität. Uns ist es vom Lebensstandard her wohl noch nie so gut gegangen, und doch läßt unsere Lebensqualität sehr zu wünschen übrig, denn die Sinnfragen bleiben unbeantwortet. Susan Ertz prägte den überlegenswerten Satz: »Millionen sehnen sich nach Unsterblichkeit, wissen aber nicht, was sie mit sich selbst an einem regnerischen Sonntagnachmittag anfangen könnten.«

Diese Fragen warten nicht auf Antworten aus dem ethischen Bereich, sondern wollen vom Behandler mit einem ganz ursprünglichen und persönlichen Engagement angegangen werden, damit z. B. die Angst nicht noch kränker macht, sondern überwunden werden kann. Schmerz und Krankheit müssen aus dem Zentrum des Lebens herausgenommen werden, der Lebenswille muß »sinnvoll« gestärkt werden, und an die Stelle einer quälerischen Gesundheitsforderung kann auch manchmal die Dankbarkeit treten für alles, was man dennoch in diesem Leben erlebt hat und erlebt.

Hier gibt es keine Behandlung auf Distanz. Die gemeinsame Betroffenheit von Patient und Behandler berührt die Lebensqualität des einen wie des anderen. Bei dieser Krankheit sitzen Patient und Behandler wahrlich in einem Boot.

Wir haben diesem wichtigen Thema zwei Ausgaben unserer Fachzeitschrift gewidmet, einmal um mehr grundsätzlichen Erwägungen in ihrer Vielfalt nachzugehen und andererseits auch die Praxis zu Wort kommen zu lassen.

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 05/1992