EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die »Arzneimittelkommission für Biologische Medizin der Hufeland Gesellschaft« hat einen Versuch unternommen, den im Arzneimittelgesetz verankerten Begriff der »Besonderen Therapierichtungen« zu durchleuchten, zu interpretieren, abzugrenzen und zu hinterfragen, was es mit der Standardformulierung auf sich hat, daß die »Besonderheiten der Besonderen Therapierichtungen zu berücksichtigen« seien. Dabei wird versucht, die mehr negativ besetzte Definition der Abgrenzung zu konventionellen Methoden um eine positive zu bereichern: »Besondere Therapierichtungen sind Verfahren und Methoden, die von eigenständigen Erkenntnissen, besonderen diagnostischen Methoden und speziellen Denkansätzen ausgehen, besondere Mittel einsetzen und besondere Wege beschreiten, um Heilwirkungen zu erzielen.«

Es wird zugestanden, daß in den Kulturkreisen traditionelle Eigenheiten entstanden sind, aber dennoch die Notwendigkeit einer Grenzziehung »zwischen fundierten Therapierichtungen und Phantasiekonstruktionen« gesehen.

Diese Grenzziehung wurde auch bei der Diskussion um die Negativliste vom Ministerium verlangt, das zu gern durchschauen wollte, was sich denn nun so alles im Bereich der Besonderen Therapierichtungen tut. Ein verständlicher Wunsch nach etwas, »was man schwarz auf weiß besitzt und getrost nach Hause tragen kann«, aber dennoch ein problematischer in seiner Erfüllung.

Hier werden drei Voraussetzungen an die Besonderen Therapierichtungen gestellt:

»1. Die Besonderheit des Therapieverfahrens muß theoretisch erklärbar und praktisch bewährt sein,
2. das Verfahren muß lehr- und lernbar sein,
3. die eingesetzten Mittel und Wege müssen mit den theoretischen Denkansätzen ein plausibles Konzept ergeben.«

Ein plausibles Konzept, das über einen Polypragmatismus weit hinaus geht. Wer aber beantwortet die Frage, welche Therapie jeweils wann zum Einsatz kommt? Hängt das nicht auch davon ab, zu welchem Therapeuten mit seinen Therapien welcher Patient mit welchen Problemen kommt? Es bleibt ein breiter Spielraum für individuelles eigenverantwortliches Vorgehen und für ein eventuell schicksalhaftes Zusammenspiel von Patient und Behandler, das auch auf ganz eigene Weise die Selbstheilungskräfte mobilisieren kann.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1992