EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in einer Volksabstimmung haben die Dänen dem Euro-Zentralismus eine Absage erteilt. Die Mehrheit war knapp, aber dadurch, daß sie aufgrund einer Volksabstimmung und nicht stellvertretend durch Parteien und Parlament zustande kam, besonders repräsentativ und aussagekräftig. Eine Ted-Umfrage während einer »Brennpunkt«-Sendung der ARD, bei der immerhin 70 000 Anrufer beteiligt waren, ergab eine Ablehnung der politischen Union Europas von erstaunlichen 81% und nur 19% Befürwortern unter den deutschen Zuschauern.

Grund zur Schadenfreude gegenüber denen, die Europa seit Jahren planen und vorantreiben? Allemal nicht. Aber ein Denkzettel war es, der vielleicht zu mehr Umsicht gemahnt. Diese Ergebnisse drücken sicher einen gewissen Unmut aus, hinter dem sich Ohnmachtsgefühle verbergen, evtl. in Zukunft vermehrt der Fremdbestimmung einer zentralistischen Bürokratie ausgeliefert zu sein.

Diese Befürchtungen sind durch das bisherige Vorgehen der Eurobürokratie nicht ganz unbegründet, die ja selbst der demokratischen Basis Europas, dem Europäischen Parlament, nur sehr zögerlich gewisse Rechte zugesteht. Die Naturheilkunde in Deutschland hat keinen Grund, blind-euphorisch in diese europäische Zukunft zu gehen. Der Kampf um Rechte und Berücksichtigung in den EG-Richtlinien hat gezeigt, daß diese Auseinandersetzung längst nicht beendet ist und dass manches durch nationale Sonderregelungen und Vorbehalte als Problem in die Zukunft verschoben wurde.

Die friedliche Gemeinsamkeit der Völker Europas bedingt nicht zwangsläufig ein bürokratisches Zentralismuskonzept. Wichtig bleibt der Respekt vor der gewachsenen Vielfalt der Regionen, zu der in Deutschland die Tradition der Naturheilkunde in ganz besonderer Weise als ein gewachsenes Kulturgut gehört.

Wenn der dänische Denkzettel dazu führt, daß man etwas sensibler auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bürger reagiert, war er gut, wenn nicht, wird es sicher nicht der letzte gewesen sein. Die Spontanabstimmung – 81% gegen 19% – war zwar nicht repräsentativ, aber gibt dennoch zu denken über eine eventuelle Bürgerferne der Politik.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1992