EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 8. Juli hat das Europäische Parlament seine für die Homöopathie positiven Änderungsanträge aus der ersten Lesung, die Kommission und Ministerrat nicht übernommen hatten, nochmals bestätigt.

Dabei ist vorrangig, daß eventuell negativ wirkende Formulierungen auf dem Etikett der Homöopathika verschwinden sollen, so z. B. die diskriminierende Aufschrift »Homöopathisches Arzneimittel ohne genehmigte therapeutische Indikation« oder »Nach einem besonderen vereinfachten Verfahren registriertes homöopathisches Arzneimittel«. Nach dem Willen des EP soll es einfach, wie es auch richtig ist, heißen: »Homöopathisches Arzneimittel« und keine weiteren durch das wissenschaftliche Dogma relativierenden Be- bzw. Abwertungen enthalten.

Wichtig ist ferner, daß bei Kombinationsmitteln »auch eine andere Bezeichnung verwendet werden (kann), jedoch ohne therapeutische Wirksamkeit«. Auf diese Weise kann es bei vielen traditionellen Namen bleiben, und man muß nicht als Namen die manchmal lange Kette der Kombipartner verwenden.

Ein großes Plus ist auch die feste Verankerung der Anthroposophischen Medizin in dieser Richtlinie, die damit einen beachtlichen Einstieg in Europa zu verzeichnen hat.

Eine Änderung gegenüber dem deutschen homöopathischen Arzneibuch bringt die Definition eines homöopathischen Arzneimittels als eines, das homöopathische »Ursubstanzen in einer Verdünnung von mindestens 1:10« enthält. Es wird also erst ein Homöopathikum, wenn es mindestens einmal den Potimzierungsvorgang durchgemacht hat.

Die Beschränkung registrierter Homöopathika auf die lediglich »orale und äußerliche Anwendung«, an der Kommission und Ministerrat trotz des Änderungsbegehrens des EP aus der Ersten Lesung bisher festhalten, hat in der zweiten Lesung mit 257 Stimmen für den Änderungsantrag, der die »Anwendung gemäß den Verabreichungsformen (nach der) homöopathischen Pharmakopöe« vorsah, also auch Injektionen, mit drei Stimmen die erforderliche qualifizierte Mehrheit von 260 Stimmen knapp verpaßt. Man darf aber wohl davon ausgehen, daß »Volkes Wille« bei lediglichen 25 Gegenstimmen hier also deutlich geworden ist, daß die Kommission dieses Änderungsbegehren dennoch in ihre weiteren Überlegungen einbezieht, was die Empfehlungen an die abschließenden Beratungen des  Ministerrats anbetrifft.

Anders ist es mit der Übernahme der Anträge für diesbezügliche EG-einheitliche Leistungserstattungen durch die Sozialversicherungen und die Schaffung einer offiziell anerkannten Ausbildung. Die Kommission hat bereits wiederholt zu erkennen gegeben, daß sie weder Rechte noch Grundlage in den EG-Verträgen sieht, soweit in nationale Belange einzugreifen. Hier wird wohl das Prinzip der Subsidiarität noch eine Weile greifen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1992