EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Hauptsache, das Kind hat seinen Namen« sagt der Volksmund und meint damit eine Sache, die ihren Namen eigentlich nicht verdient. Auf kaum ein anderes Phänomen passt dieser Ausspruch so gut, wie auf die mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden sog. »Strukturreformen« im Gesundheitswesen. Dabei ging es bisher stets um halbherzige Flickschustereien, die kurzfristig Einsparungen zu erbringen schienen, um ein Jahr später in einer Art Nachholeffekt zu um so schlimmeren Kostenexplosionen zu führen. Die sog. »Konzertierte Aktion«, ein »Selbstverwaltungsgremium« von Gleichgesinnten zur Verteilung des großen Kuchens der staatlich sanktionierten Zwangsabzüge der arbeitenden Bevölkerung, trifft sich gewöhnlich, um Sparmaßnahmen einzuleiten nach dem denkbar uneffektiven Motto: Spar Du und ich bekomme etwas mehr. Und da jeder Teilnehmer dieses Sparmotto stereotyp vertritt, ist der Ausgang dieser Sparrunden entsprechend und wird stets auf dem ohnehin schon durch Arbeit gebeugten Rücken der Bürger ausgetragen. Die Möglichkeiten dieser Komödie waren unübersehbar ausgeschöpft, wenn man nicht allmählich den Volkszorn heraufbeschwören wollte.

Gesundheitsminister Seehofer hat das zweifelsfrei erkannt, wenn er jetzt den entscheidenden Schritt weitergeht, den es zu gehen gilt, nämlich zunächst damit zu beginnen, was einzusparen ist und dann die Lasten möglichst gerecht zu verteilen, denn daß gewaltig gespart werden muß, ist unbezweifelt. Und daß die protestieren, die bisher gewohnt waren, daß immer die anderen sparen, nur sie selbst praktisch nicht, ist menschlich, wenn auch im Sinne einer echten Solidargemeinschaft, vor allen Dingen mit den weniger Verdienenden in unserem Lande, nicht ganz fein. Auf keinen Fall kann es so weitergehen, daß sich der Medizinbetrieb als verselbständigter Wirtschaftszweig versteht, dessen wirtschaftliche Eigendynamik durch Zwangsabzüge der Bürger finanziert wird. Wenn man das will, muß man sich auch dem freien Spiel der Marktkräfte aussetzen.

Die Reaktionen auf die jetzigen Maßnahmen scheinen dem Minister in seinem Sparansatz zunächst einmal Recht zu geben: Ärzte drohen mit Streik, Krankenhäuser mit ihren Wochenendausruhstationen zu Grandhotelpreisen, in die man freitags eingeliefert wird, um  schließlich am Montag den ersten medizinischen Kontakt zu haben, protestieren; Krankenkassen, deren Verwaltungsaufwand im Gegensatz zu ihrer Leistung um 200-300% gestiegen ist, haben Angst, daß sie an ihrer Leistung gemessen werden sollen usw.

Es mangelt nicht an gut gemeinten Vorschlägen, wie man es anders machen kann. Prof Bourmer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein und ehemaliger Vorsitzender des Hartmann(spar)bundes, befürwortete ein Haftpflichtmodell, bei dem außer dem Nötigsten, alles vom Bürger selbst getragen wird. Mit der Flankierung entsprechender sozialer Maßnahmen würde das sicher mehr Durchsichtigkeit bringen und dem Bürger vor Augen führen, wie viel seine Gesundheit im Einzelfall kostet. Allerdings kann das nicht so aussehen, daß man den jetzigen Riesenkuchen einfach zur Haftpflicht umdefiniert. Hier wird entscheidend sein, wie weit man die Zwangsabzüge zurückstuft. Auf keinen Fall stünde dem Wirtschaftszweig Medizinbetrieb mehr Geld zur Verfügung, als das nach den jetzt beabsichtigten Sparvorschlägen von Minister Seehofer der Fall sein wird.

Wichtiger erscheint, daß an der Kostenfront eine Pause eintritt, die den Kopf frei macht zum Nachdenken über eine Strukturreform, die den Namen auch verdient und nicht nur eine Sparreform ist. Je mehr man den Kostenbringer in die Entscheidung für seine Gesundheit einbezieht, desto besser ist die Entwicklung für die Naturheilkunde, die bei dem jetzigen System der Abstriche, Negativlisten und evtl. Positivlisten leicht in der Gefahr ist, zum Opfer von sog. Sparmaßnahmen zu werden.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1992