EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

selbst Heinrich Heine, der berühmte und geistreiche Spötter, mußte mit einem zitierten Brief herhalten, um wieder einmal die Homöopathie madig zu machen. Er schrieb 1836 an den Pariser Homöopathen Didier Roth:

»Lieber Doctor!

Aus Ihren wissenschaftlichen Untersuchungen ist zu ersehen, daß der millionste Theil einer gewissen Substanz die größten Erfolge erzielt. Ich bitte daher um freundliche Annahme des, hier beigefügten, millionsten Theiles einer Lyoner Salami... Wenn die Homöopathie die Wahrheit ist, wird dieses Theilchen bei Ihnen denselben Effect machen, wie die ganze Salami.

Ihr Heinrich Heine«

Auch Homöopathen werden darüber schmunzeln, weil es ein lustiger Gag ist, aber sie kämen nie auf die Idee, dieses als ernsthaftes Argument gegen die Homöopathie aufzufassen. Ganz anders die Gegner: sie nehmen es bierernst und scheinen diesen Scherz als Argument gegen die Homöopathie mit in ihr Vorurteilsrepertoire aufzunehmen, was schon ein Armutszeugnis an sich ist und das Niveau verdeutlicht, auf dem die Diskussion stattfindet, auch wenn sie in diesem Falle von Prof. Dr. Dr. mult. h.c. Pokop vom Institut für gerichtliche Medizin der Berliner Humboldt Universität wieder einmal mit den alten und scheinbar immer neuen Argumenten angeheizt wurde.

Da hat man nun eine »Erklärung zur Homöopathie« verfaßt, in der man den Spieß umdreht, indem man behauptet: »Verschiedene Medien haben mittlerweile paramedizinische Sekten derart promoviert, daß die Grenzen der Toleranz überschritten sind.« Als ob diese Grenzen nicht längst in Art und Ton von den Unterdrückungsmethoden des wissenschaftlichen Dogmatismus gegenüber Andersdenkenden eingerissen wurden, die die Verfechter der besonderen Therapierichtungen konsequent attackieren und in die Ecke des Okkulten stellen.

Da wird stets mit Schaum vorm Mund argumentiert, daß z. B. die »Homöopathie mit keiner rationalen Methode erklärt werden kann«. Und, das muß einmal gesagt werden, dieser »Vorwurf« ist wahrscheinlich richtig. Und, das muß ebenso gesagt werden, daß es evtl. ein wissenschaftlicher Irrtum ist, dieses zu begehren. Warum schielen wir eigentlich nach dem Wissenschaftsbeweis für die Homöopathie mit Methoden, die diese nicht ergreifen können. Diese Wissenschaft erschöpft sich in physikalischen und chemischen Versuchsansätzen, die aber nur Antworten im nämlichen Bereich liefern, zu dem auch energetische Kriterien gehören. Wer sagt aber, daß es sich bei der Homöopathie um energetische Prozesse handelt? Warum lassen sich die erfolgreichen Behandler und naturheilkundlichen Verfechter immer wieder in die Ecke drängen und in Zugzwang bringen, Erklärungen in diesem Wissenschaftsmodell zu erbringen, das doch das Leben in seiner viel umfassenderen Dimension nicht einmal im Ansatz begreift?

Mit der Klassifizierung »Heilungen psychotroper Natur« möchte man diese Therapie abqualifizieren, aber man hat nicht den Schimmer einer Ahnung davon, daß das evtl. im positiven Sinne zutreffend ist.

Wer sagt denn, daß es bei der Homöopathie um energetische Vorgänge geht und nicht um viel feinere geistige Informationsströme, die strukturbildnerisch Prozesse hervorbringen, die sich uns als homöopathische Heilungen darstellen? Und zwar am lebendigen Menschen und nicht im Reagenzglas.

Es ist doch nicht mehr als wissenschaftlich logisch, daß diese Vorgänge nicht materiell mit Chemie und Physik allein zu erklären sind. Wären sie es, müßte man sie anzweifeln. Das allzu kleinliche Schielen nach einem Wissenschaftsbeweis unter unangemessenen Kriterien ist eine bedauerliche Schwachstelle, ein Komplex, in Kreisen der Naturheilkundler die es ja eigentlich mit etwas Umfassenderem zu tun haben: dem Leben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1992