EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch für die Gesundheitsreform gilt, was auf allen anderen Gebieten Gültigkeit hat: Ein Kompromiß ist eben nur ein Kompromiß – in dem Falle sicher ein besonders schwieriger, nämlich zwischen Regierung und Opposition.

Der Einstieg in die freie Wahl der Pflichtkassen ist sicher ein Fortschritt im Ringen um das bessere Konzept und seine Auswirkung, was die Optimierung des Verhältnisses von Leistung und Beitrag anbetrifft.

Daß man den von Minister Seehofer beabsichtigten Einstieg in mehr Durchsichtigkeit für den einzelnen, z.B. durch eine prozentuale Selbstbeteiligung an den Arzneimitteln zuungunsten einer undurchsichtigen Pauschalierung, mit der man hinreichend schlechte Erfahrungen gemacht hat, opfern mußte, ist bedauerlich.

Für den Bereich erstattungsfähiger Arzneimittel soll der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen Träger eines zu bildenden unabhängigen Instituts »Arzneimittel in der Krankenversicherung« sein, das mit ebenso unabhängigen Sachverständigen besetzt ist. Drei aus der klinischen Pharmakologie, drei aus der ärztlichen Praxis, je einer der besonderen Therapierichtungen (Phyto-, Homöo- und anthroposophische Therapie), einer der medizinischen Statistik und einer der Pharmazie. Das Institut soll eine Vorschlagsliste verordnungsfähiger Fertigarzneimittel (Positivliste) erarbeiten, wobei der »besonderen Wirkungsweise« der Mittel dieser besonderen Therapieeinrichtungen »Rechnung zu tragen ist«, also Rechnung getragen werden muß. Die Positivliste ergeht zu Indikationsgebieten, Stoffgruppen und Stoffen. Ausgeschlossen sind Mittel, die heute schon und künftig in erweiterten Negativlisten aufgeführt sind. Das BMG legt aufgrund dieser Positivvorschlagsliste die endgültige Liste verordnungsfähiger Mittel per Rechtsverordnung fest, die dann einer Festbetragsregelung unterliegen. Da Mittel für »geringfügige Gesundheitsstörungen«, solche mit »geringfügigem therapeutischen Nutzen« und sog. »unwirtschaftliche« Mittel in der Positivliste ausdrücklich keine Chance erhalten, kann man sich bei der Umsetzung der an sich plausiblen Vorschriften vorstellen, daß die Naturheilmittel hier besonders betroffen sein könnten, außer vielleicht bei ganz wenigen Indikationsgebieten.

Da man dem Buchstaben der Verordnung nach ja durchaus bereit ist, einen Prozentsatz der Kassenmilliarden auch den Naturheilmitteln zukommen zu lassen, aber deren Oberbeurteilung durch das Institut sicher eine kritische Einengung bedeutet, kann man vielleicht einer ganz anderen Überlegung nahetreten: Man entläßt die Naturheilmittel überhaupt aus allen Listen, setzt den Betrag, den man bereit ist im Rahmen der Erstattung auszugeben, ins Verhältnis zum Gesamtverordnungsvolumen der Naturheilmittel bei Kassenärzten und errechnet daraus den notwendigen Zuzahlungsprozentsatz. Dann bliebe die Verordnungsfreiheit für die Mittel in voller Breite erhalten und würde dennoch die Kassen nicht zusätzlich belasten. Man kann sich leicht vorstellen, daß dieser Weg ohnehin eines Tages für alle Mittel beschritten wird. Dann hätte man mit den Naturheilmitteln schon einige Jahre Erfahrung gesammelt und hätte auch die Gefahr umgangen, daß bis dahin ein Großteil der Naturheilmittel, die jetzt nicht in die Positivliste aufgenommen werden, evtl. dem Verordnungsschatz ganz verloren gegangen sind.

Eine Überlegung wäre das allemal wert.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1992