EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nun leben wir also im »Jahre 1 nach Seehofer«. Wie in vielen Bereichen unseres modernen Lebens ist auch im Gesundheitswesen offensichtlich geworden: Unser Anpruchsdenken ist unbezahlbar. Entstanden war es allerdings nicht allein in den Köpfen der Bürger, sondern es war zu einem gut Teil ein »erfolgreiches« Ergebnis der Verführung durch die Leistungsanbieter in den fetten Jahren der unbegrenzten Machbarkeit,  als man den Unterschied zwischen kaufen und bezahlen ganz bewußt herunternivellierte und suggerierte, daß man alles kaufen könne und daß, indem man von dem Angebot nur kräftig Gebrauch mache, auch alles bezahlt sei. Alle sogenannten Sparmaßnahmen der Selbstverwaltungskörperschaften, also der Beteiligten an der wiederum sogenannten »Konzertierten Aktion« scheiterten, weil es sich in Wahrheit um eine Art Syndikat zur Verteilung der gesetzlich abgefederten Zwangsabzüge handelte, die besonders die niederen Lohngruppen monatlich auf ihren Lohnstreifen schmerzten. Ich meine, das wünscht sich natürlich jeder, daß einem vom Gesetzgeber ein Topf Geld zur Verfügung gestellt wird, den man nur noch zu verteilen braucht. Hier hat Minister Seehofer völlig zu Recht eingegriffen und klar gemacht, daß diese Schraube nicht etwa ein Endlosgewinde besitzt, weil sie sich so schön drehen läßt, sondern daß das daran liegt, dass sie überdreht ist. Das mußte mal gesagt werden, und – trotz allen Protests – hat so ziemlich jeder eine Einsicht – manche zunächst noch im Stillen.

Die Naturheilkunde ist dem Buchstaben des Gesetzes nach durchaus berücksichtigt worden in der Reform, allerdings hat man in Deutschland mit der Umsetzung in die Realität so seine Erfahrungen, die einen gemahnen, mit der endgültigen Beurteilung zurückhaltend und abwartend zu sein. Haben wir nicht auch das pluralistischste Arzneimittelgesetz der Welt? Am Ergebnis seiner Umsetzung erkennt man es oft nicht wieder, wenn man an vermehrte Probleme bei der Nachzulassung denkt, an Stufenplanverfahren und die Art, wie man an die Bewältigung eventueller Kanzerogenitäts- und Toxizitätsprobleme herangeht. Von dogmatischer Bevormundung sind wir hier noch lange nicht frei.

Dennoch meine ich, die Reform kann uns allen helfen, zur Besinnung zu kommen, zu erkennen, daß wir das, was wir kaufen, auch bezahlen müssen. Wir müssen zurückkehren zu dem Grundgedanken der Solidargemeinschaft, den die über 100 Jahre alte Tante »Reichsversicherungsordnung« gedacht hat, daß der wirklich Bedürftige gestützt wird und daß es hier nicht um willfährige Befriedigung von noch dazu zu Unrechtbestehendem Anspruchsdenken einer Wohlstandsgesellschaft geht.

Die Naturheilkunde kann in dieser Entwicklung, was gesundheitliche Fürsorge, Heilansatz und Preis-Leistungs-Verhältnis angeht, eine wichtige Rolle für die Zukunft spielen, die aber mit Ehrlichkeit und Engagement genutzt werden muß. Dann wird sich die Naturheilkunde durchsetzen.

Wir, die NATURHEILPRAXIS, möchten dieser Entwicklung wie bisher zuarbeiten, auch im neuen Gewand. Das »N« steht für Natur, für Naturheilkunde, der wir verpflichtet sind. Das »N«, das schon einmal jahrelang unser Titelblatt geziert hat, soll auch an diese Tradition anknüpfen und zeigen, daß die NATURHEILPRAXIS seit Jahrzehnten (wir erscheinen im 46. Jahr) für eine Entwicklung zu Besinnung und Rückbesinnung eingetreten ist. Das Wachstum dieses Gedankens ist auch an uns nicht spurlos vorübergegangen: Die NATURHEILPRAXIS erscheint inzwischen mit einer Auflage von 20 500 Exemplaren. Wir bedanken uns bei unserer verehrten Leserschaft und freuen uns auf die weitere Gemeinsamkeit in unserem gemeinsamen Ziel.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/1993