EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das hat es ja auch schon im Vorfeld der Gesundheitsreform gegeben, daß mit äußerst unfairen Mitteln Druck gemacht wurde gegen die notwendigen Maßnahmen, die Minister Seehofer im Auge hatte und die man nur als einen absolut vernünftigen Schritt in die richtige Richtung bezeichnen kann. Da gab es Streikandrohungen von Ärzten, und es gab sogar solche, die sich nicht zu schade waren, Patienten mit dem Hinweis auf die ungeliebte Strukturreform Arzneimittel zu verweigern, in der Hoffnung, dass der Volkszorn die Reform evtl. doch noch zum Kippen brächte.

Der Minister blieb unbeirrt, die Reform kam dennoch, und die von der wissenschaftlichen Medizin ungeliebten und stets sorgfaltig abqualifizierten Mittel der »Besonderen Therapierichtungen« fanden in einer Weise Berücksichtigung in den Vorschriften für die Erstellung der beabsichtigten Positivliste, daß man wie von fern fast die Grabesglocken des medizinischen Dogmatismus glaubte läuten zu hören, wo die Bevormundung zu Grabe getragen und endlich dem Bürgerwillen und Pluralismus unserer Gesellschaft entsprechend ein Paradigmenwechsel eingeläutet würde. Hier schien klar begriffen worden zu sein, das man den  Bürger, wenn man ihn in einem beträchtlichen Umfang an den Kosten beteiligt und mitverantwortlich machen will für seine Gesundheit, dann auch in die Entscheidungen einbeziehen und respektieren muß, was er persönlich für seine gesundheitliche Versorgung bevorzugt.

Die Drohgebärden im Vorfeld der Reform, an denen bereits die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit leicht missverständlichen »Ermahnungsschreiben« an die Mitglieder nicht ganz unbeteiligt war, scheinen jetzt durch dieselbe legitimiert zu werden mit einem Vorstoß, den Spieß der Reform doch noch umzudrehen. Bevor noch die Positivliste erstellt ist, versucht die Kassenärztliche Bundesvereinigung offensichtlich dieser – auch in bezug auf die Naturheilmittel positiven – Positivliste mit einer »erweiterten Negativliste« das Wasser abzugraben, nach dem Motto, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Da überzogene Arzneiverordnungen ja die Ärztehonorare direkt berühren würden, wird nach dieser Liste an den Arzneien für die Kranken gleich noch mehr »gespart« als nötig, damit mit den Honoraren ja nichts passiert. Da bleibt das eigene Sicherheitsdenken von jeder sonst gern bemühten ärztlichen Ethik völlig ungetrübt.

Statt sich einmal mit der preiswerteren Möglichkeit naturheilkundlicher Behandlung zum Wohle des Patienten auseinanderzusetzen, was die Positivliste ja ausdrücklich zuließe, wird die Spartrennlinie ohne Rücksicht auf den Patienten ganz anders gezogen: Entweder gibt es nach »gutem alten Brauch« die wissenschaftlich nicht angezweifelten Mittel (möglichst keine Kombinationen, also chemische Monosubstanzen, auch wenn sie nicht ganz billig sind), oder es gibt für ganze Indikationen überhaupt nichts.

Erhofft man sich vom Heer der ratlosen, alleingelassenen, frustrierten oder zornigen Patienten doch noch eine Unterhöhlung der vernünftigen Reform, in der jeder Opfer bringen muß, in der wir als Gesellschaft aber, was die Solidarität anbetrifft, auch wieder ein wenig näher zusammenrücken könnten?

Der Deal allerdings scheint eher eine Kampfansage an den Patienten zu sein, für den die Medizin eigentlich eine Obhut sein sollte. Wo geht es hin mit dieser Gesellschaft, wenn beim Verteilungskampf die Ethik auf der Strecke bleibt? Für das Heer der Ratlosen hat die Naturheilkunde eine große Aufgabe, die mit Engagement und Bescheidenheit angegangen sein will, denn die Alleingelassenen haben einen monatlichen Zwangsbeitrag in erheblicher Höhe bereits verkraften müssen und können sicher nicht allzu hohe zusätzliche finanzielle Hürden überspringen. Aber sie werden dankbare neue und vielleicht bald auch überzeugte Anhänger der Naturheilkunde sein. Man sollte sie nicht der uferlosen Selbstmedikation der Fernsehpatentrezeptwerbung ausliefern, wo sie aufs neue ausgebeutet werden, sondern sollte echte Hilfestellung zu einer fundierten Mitverantwortung für die eigene Gesundheit geben. Ein Auftrag, aber auch eine Möglichkeit für die Naturheilkunde und deren überzeugte Vertreter, die Heilpraktiker, wenn so mutwillig Bedürfnislücken in der Bevölkerung aufgerissen würden.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1993