EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Verdacht lag schon lange nahe, dass unser Medizinsystem sich als Wirtschaftsfaktor verselbständigt hat und seine Fortentwicklung nicht mehr an den gesundheitlichen Bedürfnissen der Patienten orientiert, sondern den pekuniären der Leistungserbringer. Es war nicht zu übersehen, daß die Selbstverwaltungskörperschaft, trotz so schöner Namen wie »Konzertierte Aktion«, eine uferlose Selbstbedienungsmentalität der Leistungerbringer aller Schattierungen begünstigt und gefördert hat, wobei diejenigen, die es ehrlich meinen und eine engagierte Bescheidenheit an den Tag legen, finanziell gar nicht so gut abschneiden, was aber wegen der – gelinde gesagt – mangelnden Bescheidenheit der »oberen Schichten« in der Hierarchie der Leistungserbringer dennoch zu keinen Einsparungen geführt hat. Und weil alle selbst so gut davon profitieren, haben sie die Patienten mit weit über eine vernünftige Gesundheitsversorgung hinausgehenden Leistungsangeboten mit in den Strudel eines unreflektierten und inzwischen unbezahlbaren Anspruchsdenkens hineingezogen. Daß die materielle Verwöhntheit mit einer seelischen Verarmung in der Betreuung der Kranken und Hilfesuchenden einherging, davon zeugen Gebührenordnungen, die so gestaltet waren, daß die Ladenkasse bei technischen und medikamentösen Leistungen aufging, aber bei denen der mitmenschlichen Zuwendung weitgehend geschlossen blieb.

Die neue Seehofer-Reform böte eine Chance, man muß es immer wieder sagen, hier zu einem gesunden Umdenken zu gelangen und die Naturheilkunde und ihre Heilmittel nicht nur wegen der Mode und des Trends zu nutzen, sondern wegen ihrer Möglichkeit, angemessen, preiswert und mit der nötigen Differenziertheit auf unsere »Alltagskrankheiten« zu reagieren und die teuren High-Tech-Mittel der Risiko- und Notfallmedizin zu überlassen, wo sie hingehören und segensreich sein können.

Aber Funktionäre von Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen scheinen diese Möglichkeiten durch Vorstellungen von Arzneimittelrichtlinien offensichtlich zunichte machen zu wollen, die hoffentlich so nicht durch die Unterschrift des Ministers rechtskräftig werden. Es grenzt fast ans Unverständliche, wo die Funktionärscliquen der Ärzteschaft die Rechtfertigung hernehmen, Millionen von Patienten in unserem Land schlicht und einfach zu bevormunden. Selbst an der Basis, besonders bei den biologisch praktizierenden Ärzten, gärt es gewaltig, und die Auseinandersetzung ist zweifelsfrei ernst und entscheidend auch für ein ziemlich großes Spektrum der Naturheilmittel.

All dieser Unfug ist hausgemacht und systembedingt und man lernt seinen außerhalb dieses verrotteten Systems stehenden freien Heilberuf neu schätzen, der sich an den wahren Bedürfnissen unserer kranken Mitbürger orientiert. Über die Patienten, um die es allein geht, sitzen wir allerdings alle in einem Boot.

Wann wird die Ellenbogenmentalität endlich von mehr Solidarität abgelöst, wenigstens in der Heilkunde am Mitmenschen? Es ist eine Zeit des Aufbruchs für die eigentlichen Werte in der Heilkunde. Der Bürger spürt es, die Patienten spüren es. Wir müssen uns nur ernsthaft engagieren.

Wie in der Vergangenheit will ich mich ebenso in der Zukunft bemühen, an dieser Stelle wichtige Fragen und drängende Probleme anzusprechen. Dies ist mein 120. Editorial. In 10 Jahren war es mir vergönnt, ohne Ausnahme jeden Monat an dieser Stelle mich an Sie zu wenden. Ich bedanke mich für den zehnjährigen Dialog mit Ihnen, für Ihre Geduld, für Ihre Treue.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/1993