EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Skandal ist perfekt. Rubia tinctorum soll vom Markt. Daß der wissenschaftliche Dogmatismus dominiert, daß in den Kommissionen für die besonderen Therapierichtungen, in denen ja gerade das »andere wissenschaftliche Erkenntnismaterial« gewertet werden soll, inzwischen auch die Toxikologen die Oberhand haben und die Behandler mit jahrzehntelanger Erfahrung in die Ecke stellen, hat man längst befürchten müssen. Daß aber die »Arzneimittelkommission der Deutschen Heilpraktiker«, die ausdrücklich Stufenplanbeteiligte beim BGA ist, dem nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen hat, statt dessen das Stufenplanverfahren zum Verbot von Rubia, einer der ältesten und gut dokumentierten Heilpflanzen als schweigender Kopfnicker miterlebt, das ist der Skandal schlechthin.

Schon im Dioskurides steht: »Die Wurzel treibt reichlichen Harn... « Unzählige Zeugnisse belegen: Hier wird Erfahrung signifikant. Aber wie schon so oft wird Erfahrung nicht gewertet. Wozu dann die Kommissionen für die besonderen Therapierichtungen, wenn man sich ohnmächtig toxikologischen Gutachten beugt und, wie es heißt: »... im wesentlichen nicht in Frage stellt.« Niemand hätte daran gezweifelt, daß mit bestimmten isolierten und konzentrierten Anthrachinonen, wie Lucidin und Rubiadin, gentoxische Wirkungen zu erzielen sind. Studien übrigens, die die Versuchsanordnung mit dem Gesamtextrakt der Pflanze nachahmten, kamen zu ganz anderen Ergebnissen, wurden freilich nicht gewertet.

Bis dahin kennt man das Spiel, ohne Stichworte wie Aristolochia u. ä. zu bemühen. Es scheinen Einzelzüge des großen Schachspiels zu sein, an deren Ende das Matt für die biologischen Mittel stehen soll. Und wenn wir nicht endlich in eine Grundsatzdiskussion über die Bewertung solcher Experimentenanordnung mit toxikologischem Ausgang eintreten, und zwar auf allen Ebenen, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. In nicht ferner Zeit wird man uns auf den Knien zum Schwur zwingen, von der Natur abzulassen, weil sie giftig ist und uns nur noch an die saubere und unbedenkliche Chemie zu halten.

Die deutschen Heilpraktiker haben eine Arzneimittelkommission. Daß es die meisten nicht wissen, ist symptomatisch, denn diese Kommission ist unter ihrem Vorsitzenden zu einem Debattierclub verkommen, der statt aktiv einzugreifen, wo es um fundamentale Arzneimittelüberlebensfragen geht, Tagesordnungspunkte vom Vorsitzenden vorgesetzt bekommt, wie das MTA-Gesetz, was diese Kommission überhaupt nichts angeht. Es ist ein Skandal, daß die Spitze einer Arzneimittelkommission der deutschen Heilpraktiker ein angestellter Geschäftsführer an sich gerissen hat, ein Diplom-Betriebswirt, dem es an Arzneimittelsachverstand gewaltig mangeln muß und der sich über dieses Thema praktisch nicht äußern kann, ohne einen Apotheker und einen Juristen im Schlepptau zu haben. So auch hier die Lähmung, effektiv einzugreifen und lediglich den Vollzug des BGA-Verbots devot abzuschreiben und mit der eigenen Unterschrift auch noch den Eindruck zu erwecken, als handele es sich bei dem »Abgeschriebenen« um eigene von Sachverstand getragene Formulierungen. Wann beendet der Fachverband DH endlich diese Tragödie und zieht seinen Angestellten aus dieser Kommission zurück. Wann wird an der Spitze ein würdiger Vertreter der Naturheilkunde und ihrer Mittel stehen, der auch in solchen Stürmen nicht verlegen sein muß.

Wann auch werden die anderen Verbände an dieser Kommission alle ihre Rechte geltend machen und für einen durchgängigen Sachverstand sorgen. Die Aufgabe einer solchen Kommission ist nicht mit Händen an der Hosennaht die gehorsamste Hinnahme toxikologischer Gutachten von Monosubstanzen. Von ihr muß man die ganze Verteidigungspalette der Naturheilkunde verlangen. So alt das Leben auf die der Erde ist, gibt es mutagene Substanzen in biologischen Einheiten, Pflanzen, Tieren und Menschen. Aus allen ließen sich kanzerogene Monosubstanzen isolieren und isoliert auch Krebs erzeugen. Aber das Eingebundensein solcher Substanzen, nicht in Stoffgemische, sondern in biologische Einheiten, ist ein lebenstypisches Phänomen, das durch Leben überwunden wird und dieses bedingt.

Übrigens: Solange man mit biologischen Entprechungen und biologischen Einheiten, wie Pflanzen heilte, war Krebs als Krankheit selten. Noch um 1900 war jeder 30. Todesfall durch Krebs verursacht, jetzt, wo man wenig mit Pflanzen heilt, ist fast jeder 3. Tote ein Krebskranker. Daraus ergibt sich, wie »notwendig« das Verbot von Pflanzen für die Krebstotenbilanz ist.

Man sollte über unlogischer Wissenschaft und ihrem Diktat nicht den letzten Funken gesunden Menschenverstands vergessen und sich auch eine Einordnung wissenschaftlicher Detailerkenntnisse in Gesamtzusammenhänge gönnen. Ein Berufsstand, der für die Erhaltung unseres naturheilkundlichen Volksgutes und seiner Identität eintreten will und schließlich selbst davon lebt, kann sich auf wichtigen Verteidigungsposten für Naturarzneimittel keinen Fach- oder Sachfremden leisten. Auf eine saubere Untergangsbilanz eines diplomierten Betriebwirts kann man noch am ehesten verzichten.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/1993