EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

– oder waren es zweimal sieben? oder gar dreimal sieben? – scheinen zu Ende zu gehen. Was haben sie gebracht? Wir haben uns daran gewöhnt, daß uns alles wie selbstverständlich zur Verfügung steht, worum man noch Jahre zuvor hart arbeiten und kämpfen mußte. Die Folge ist eine Konsumorientiertheit, die wir unreflektiert auf alle Lebensbereiche übertragen, oft auch auf die sog. immateriellen wie persönliche Beziehungen zu Mitmenschen u. ä. Kleinste Unregelmäßigkeiten können unserem Anspruchsdenken und Perfektionismus nicht mehr standhalten.

Dieses unkritische Anspruchsdenken hindert uns weitgehend, unsere Lebensverhältnisse auf ihre letztendlichen Auswirkungen für unser Leben in der Zukunft zu hinterfragen. Wir leben wie im Rausch augenblicksbezogen, ungeduldig und kurzatmig, gleichzeitig mit Zukunftsängsten, die wir mit Mitteln wie Versicherungen und Überversicherungen zu beherrschen suchen. Die Wohlstandstoleranz, stellt sich heraus, war ethisch umbrämte Gleichgültigkeit. Leicht konnte man auch anderen alles gönnen, denn es schmälerte nicht die eigenen Besitzstände. Jetzt, wo Toleranz Opfer bedeuten kann, bröckelt sie.

Die kommenden Jahre werden uns zum Nachdenken zwingen. Sie werden zu einer Klärung der Begriffe führen. Man wird wieder unterscheiden lernen zwischen kaufen und bezahlen. Wir werden sicher so manche Rechnung präsentiert bekommen für so vieles, was wir besinnungslos gekauft haben in dem Glauben, daß es damit auch bezahlt sei. Zumindest aber werden wir in Zukunft für vieles den Preis akzeptieren müssen, den etwas kostet, wenn man die Ökobilanz dieser Erde, auf der (und von der) wir leben, nicht außer acht läßt.

Diese Entwicklung muß aber keineswegs als Mangel empfunden werden, sondern kann aus der Rückbesinnung auf unsere Lebensgrundlagen und Quellen, neue Lebenskräfte in uns freimachen, die uns helfen, den manchmal für uns nicht so bequemen Gesetzen, die uns die Natur auferlegt, williger und vielleicht freudiger zu folgen, um im Einklang mit der Natur zu leben und uns selbst wieder als ein Teil der Natur, nicht nur intellektuell zu begreifen, sondern aus unserer Gesamtexistenz heraus zu empfinden, so wie es die Naturheilkunde schon immer im Umgang mit Krankheit und Gesundheit versucht. Vielleicht erleben wir ja eine Renaissance ganz anderer Werte? Die engagierte Hilfe am kranken Nächsten wird sicher dazu gehören.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/1993