EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ist Gesundheit unbezahlbar geworden? Diese Frage drängt sich angesichts der ungeheuren Kosten des Gesundheitswesens und der ständigen Sparbemühungen durch Gesundheitsreformgesetze und Strukturreformen auf. Wenn man nach dem Schuldigen für diese Entwicklung fragt, gerät unser unreflektiertes Anspruchsdenken in den Blickpunkt, das allzulange von den Kassen animiert und durch verlockende Erstattungsangebote gefördert wurde.

Wäre dieses Phänomen allein schuldig an der Kostenspirale, würde man die Entwicklung mit zwar schmerzlichen aber immerhin erfolgreichen Versagungen an dieses Anspruchsdenken in den Griff bekommen und alles ginge wieder seinen »gesunden« Lauf. Aber ein ganz anderes Phänomen bringt eine Kostensteigerung, die viel gewaltiger ist und eben nicht so einfach in den Griff zu bekommen ist: der medizinische Fortschritt. Wenn man sich nicht vom medizinischen Fortschritt verabschieden möchte – und wer will das schon? –, muß man sich schon einige Gedanken machen, wie man beides vereinbaren kann: nämlich medizinischen Fortschritt und Kosteneinsparung.

Der technische Fortschritt in der Medizin ist sicher eine Entwicklung, die sich in gewisser Weise verselbständigt hat und die, das liegt wiederum in der Natur der Sache, immer teurer wird. Um dem Fortschritt der Spitzenmedizin die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen, hat der Bürger eine spürbare Umverteilung »von unten nach oben« hinnehmen müssen. So hat die gesundheitliche Basisversorgung mit der »Erfindung« der Bagatellerkrankung und deren Ausgliederung aus der Kassenerstattung eine gewisse Veränderung erfahren, die sicher noch weitere Steigerungen zu mehr Eigenleistungen bei ganz normalen Alltagserkrankungen nach sich ziehen wird.

Aber auch diese Finanzierungsmöglichkeit wird an ihre Grenzen gelangen, und man wird den technischen Fortschritt auf die Dauer nicht mit diesen Einsparungen bezahlen können. Es wird also dazu kommen, daß der Fortschritt als Entwicklung eine immer dünnere Spitze haben wird und daß dessen Leistungen aus Kostengründen nur einem immer kleineren Kreis von Menschen zugute kommen können. Es wird also, um Kosten zusparen, darauf ankommen, eine möglichst humane Form zu finden, wie man die rarer werdende Spitzentechnologie weniger Menschen zugänglich macht. Vielleicht wird das eine oder andere Herzklinikum mit Spitzentechnik nicht gebaut werden können. Das betrifft nicht einen einzelnen, sondern wirkt sich vielleicht in Hinter-dem-Komma- Prozenten auf die Sterblichkeit der Gesamtbevölkerung aus.

Alles treibt also auf einen Punkt zu, wo wir unseren Gesundheitsbegriff im Sinne der Naturheilkunde neu definieren müssen: Gesundheit als materielles Rechtsgut wird zweifelsfrei unbezahlbar. Werden wir gezwungen, den Aspekt des Schicksalhaften in unser Leben und· Sterben wie in unseren Gesundheitsbegriff wieder einzuführen? Wenn wir dieses nicht als Ohnmacht, sondern wie die Naturheilkunde als Aktivposten begriffen, wäre neben dem technischen auch ein menschlicher Fortschritt erreicht.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1993