EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Dezenz ist Schwäche, in der Übertreibung zeigt sich erst der Meister« – Worte des Spotts, sollte man meinen. Und doch hat man es gleichzeitig mit einem Patentrezept zu tun, das Richtschnur in vielen Lebensbereichen unseres modisch-modernistischen Lebens zu sein scheint. Hat man sich jahrelang bis zu einer dunkelbraunen Lederhaut der Sonne ausgesetzt, um gesund und vital zu sein oder zumindest zu scheinen, steht jetzt die Warnung vor UV-Licht im Mittelpunkt gesundheitlicher Erwägungen, und man huscht, abgedeckt von Sonnencremes mit Lichtschutzfaktoren und Sonnenbrillen über die Straße.

Bleiben wir also bei den Tatsachen. Auf alle Fälle gehört dazu, daß sich der Mensch unter dem Sonnenlicht entwickelt hat. Und wir können nicht Millionen von Jahren der Evolution negieren, weil die Wissenschaft nicht die überlegene Weisheit der Natur begreift. Der aktivste Teil des Sonnenlichts ist zweifelsfrei der UV-Anteil. Er ist für eine optimale Gesundheit unentbehrlich. Freilich kommt es darauf an, daß man maßvoll damit umgeht, und was darunter zu verstehen ist, hat Arnold Rickli in den Rezepten seiner »Heliotherapie« dargelegt.

Das Licht, und zwar das volle Sonnenspektrum, steuert über Hypothalamus und Epiphyse unsere Lebensrhythmen und Anpassungsfähigkeit. Unser Fensterglas filtert den energetischen UV-Anteil weitgehend heraus. Vielleicht ist die in unseren Praxen häufig beklagte Avitalität u.a. eine Folge davon, daß sich der moderne Mensch vorwiegend in geschlossenen Räumen aufhält?

Keine Frage, daß UV-Licht in großen Mengen schädlich ist, aber die prinzipielle Verteufelung des UV-Lichts dürfte auf einer der eklatantesten wissenschaftlichen Fehleinschätzungen unserer Zeit basieren.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1993