EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

von Jahr zu Jahr werden unsere Adaptionssysteme mehr und mehr strapaziert. Und dabei soll hier gar nicht einmal von der zunehmenden stofflichen Belastung allein durch die Umweltverschmutzung, durch Luft, Wasser und Ernährung die Rede sein, auch nicht von dem elektromagnetischen Smog und dessen energetischer Strahlung, auf der unsere weltweite Informationsvernetzung aufgebaut wird.

Wenn man von all diesen Belastungen, die schwerwiegend genug sind, einmal absieht, sind allein die Inhalte unserer Informationsvernetzung eine unerträgliche Herausforderung an unsere psychische Adaptionsfähigkeit. Da kommen täglich Menschen in unsere Naturheilpraxen mit gesundheitlichen Problemen von schweren chronischen und schicksalhaften Erkrankungen bis hin zu Befindensstörungen und Unzufriedenheiten. Wir knien uns in jeden Fall hinein, suchen nach Lösungen, nach Auswegen, nach Heilung und Linderung, und jede einzelne Begegnung hat für uns eine Bedeutung in unserem naturheilkundlichen Denken und Handeln, mit dem wir uns jedes Mal von neuem identifizieren und jedes einzelne Schicksal hat seinen festen Platz in uns.

Und dann müssen wir am Abend in den Medien Ungeheuerliches zur Kenntnis nehmen, qualvolles Sterben von Hunderten oder Tausenden von Menschen in einem grauenvollen Krieg, gar nicht weit weg von uns, da, wo wir bis vor kurzem gern Urlaub zu machen pflegten. Gezieltes Morden wird im Fernsehen vorgeführt, schwerverletzte unschuldige Kinder, die verbluten und verhungern. Da wird uns vorgeführt, daß es auf den einzelnen gar nicht ankommt, daß Menschen- und Kinderleben nichts wert sind, daß man die Toten nur noch summarisch in Hunderten und Tausenden zählt. Niemand erfährt etwas von den Einzelschicksalen, die hinter dem qualvollen Sterben jedes von ihnen stehen. Wie können wir das adaptieren und dennoch unser liebevolles Interesse an der Behandlung vergleichsweise harmloser gesundheitlicher Ungleichgewichtigkeiten nicht verlieren? Wie können wir das alles adaptieren, ohne schwerwiegende Störungen in unserer Seele? Oder adaptieren wir es vielleicht gar nicht, sondern verdrängen es nur?

Ich glaube, wenn wir als Behandler und Helfer unserer Mitmenschen, die zu uns finden, diesen Dienst dennoch mit Engagement weiter tun wollen, dürfen wir unseren Patienten ruhig von unserer seelischen Not erzählen, in der wir angesichts des unerträglichen Drucks stehen. Es erleichtert uns nicht nur unseren Dienst am Mitmenschen, sondern es macht es dennoch sinnvoll, das uns jeweils Anvertraute liebevoll und zärtlich zu behandeln und zu bewahren – und: es hilft sicher auch unserem Patienten, sein Schicksal und somit seine Krankheit evtl. leichter zu ertragen oder besser einordnen zu können.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1993