EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nachdem Minister Seehofer die vom Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen erstellten Arzneimittelrichtlinien beanstandet hatte, wurden diese nach Änderungen am 31. August 1993 neu beschlossen. Aber auch jetzt bleibt die Ziffer 17.2 über »Verordnungseinschränkungen und zugelassene Ausnahmen« heftig umstritten, die vor allen Dingen mild wirkende Naturarzneien betreffen. Der neue Vorspanntext lautet nämlich: »Folgende Arzneimittel dürfen nur verordnet werden unter der Voraussetzung, daß zuvor allgemeine nicht-medikamentöse Maßnahmen genutzt wurden (z. B. diätetischer oder physikalischer Art, Lebensführung, körperliches Training etc.), hierdurch aber das Behandlungsziel nicht erreicht werden konnte und eine medikamentöse Behandlung mit diesen Arzneimitteln zusätzlich erforderlich ist.« Das hört sich, selbst vom Standpunkt der Naturheilkunde her, gut an, denn natürlich strebt diese im Sinne einer Ordnungstherapie gesundheitliche Ziele vorzugsweise in der erwähnten Art und Weise an.

Dennoch ist die tägliche Praxis anders. Diese Mittel werden ja nicht nur in dem Bereich eingesetzt, der auch mit körperlichem Training zu beheben ist, sondern auch therapeutisch zielgerichtet und äußerst erfolgreich bei anderen Erkrankungen. Wann sie angemessen sind und wann nicht, kann nur der Therapeut vor Ort entscheiden und das Recht der Entscheidung steht ihm nach dem Sozialgesetzbuch V, §§ 34 und 92a auch allein zu. Insofern ist es mehr als fraglich, ob eine solche Art »Verordnungsausschuß« dem Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen überhaupt zusteht? Das um so mehr, als den betroffenen Arzneimitteln, die ja zugelassen und positiv monographiert sind, aufgrund dieser Formulierung nach wie vor abgesprochen wird, die Voraussetzungen im Hinblick auf den allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse und den therapeutischen Nutzen zu erfüllen.

Die im Umgang mit Naturarzneien über Jahrzehnte erfahrene Firma Madaus sieht in diesen Arzneimittelrichtlinien eine starke Beeinträchtigung der Phytotherapie und Phytoforschung. Sie läßt es aber lobenswerterweise nicht nur mit dem Protest bewenden, sondern klagt vor dem Kölner Sozialgericht. Das kann ja nur in aller Sinne sein, wenn »umstrittene« Vorgänge einer gerichtlichen Klärung zugeführt werden. Und umstritten ist die Ziffer 17.2 allemal.

Es muß aufhören, daß dem Therapeuten von oben Entscheidungsmuster aufgezwängt werden, wo nur er selbst vor Ort entscheiden kann. Die Verantwortung für eine Therapie wird ihm ja auch nicht abgenommen. Und die naturheilkundliche Therapie braucht die Freiheit, individuell vorgehen zu können, ganz besonders. Es ist und bleibt eine Sache zwischen Behandler und Patient.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1993