EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmor Schale Rund,
Die sich verschleiernd überfließt
In einer zweiten Schale Grund.
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.«

nicht umsonst ist dieses Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer so berühmt geworden. Es spiegelt sich darin unvergängliche Wahrheit des Lebendigen, das »sich verschleiernd überfließt«, das»nimmt und gibt zugleich«, das »strömt und ruht«. Selten ist die gegenwärtige Gleichzeitigkeit der Phänomene des Lebendigen, die in ihrer vieldimensionalen Kybernetik auf uns wirken und uns bedingen, so plastisch beschrieben worden wie in diesem Gedicht: geben und nehmen, strömen und ruhen, und das gleichzeitig, alles in einem und nicht fein säuberlich »berechenbar« getrennt. Diese Prozesse des Lebendigen zu begreifen, genügt es nicht, mit linearkausalen Gedanken heranzugehen. Der Schlüssel ist auch nicht das dreidimensionale physikalisch-chemische Denkmodell der Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts, das leider noch wichtige Teile naturwissenschaftlicher Medizin beherrscht. Einen kleinen Fortschritt bedeutet wenigstens die Einbeziehung der vierten Dimension der Zeit, die prozeßorientiertes Begreifen und Vorgehen fördert und den Blick mehr auf das Funktionelle als auf das Materiell-Statische richtet.

Aber auch diese Waffen bleiben stumpf, wenn Lebensprozesse, auch Krankheitsprozesse, also Fehlentwicklungen im genialen und geistgesteuerten Gesamtbauplan unseres Lebens ergründet und etwa »korrigiert« werden wollen.

Wenn man der modernen Physik folgt mit den sich über permanente Informationen steuernden Strukturbildungen, und das wiederum in einer Zeitrelation, kommt man dem Phänomen des Lebendigen, das offenbar ein Thema für die Chaosforschung ist, näher. Aber, und das liegt in der »Natur« der Sache, nicht so nahe, als daß es Essentielles preisgibt über den hinter diesen Gesetzen stehenden Geist.

Es bleibt uns, wie allen Naturheilkundlern vor uns, letztlich nicht viel mehr übrig, als diesem Phänomen unseren Respekt zu zollen und auch respektvoll danach zu handeln. Differenzierte Erkenntnisse sind wichtig, auch weil sie uns bestätigen, daß unser respektvolles Handeln wohlbegründet, also auch wissenschaftlich richtig ist.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1993