EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmor Schale Rund,
Die sich verschleiernd überfließt
In einer zweiten Schale Grund.
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.«

Man kann sie drehen und wenden, wie man will, es gibt immer die sprichwörtlichen zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wird ein Selbstmedikationspreis von der Pharrna-Branche verliehen, dürfte man da auch und nicht nur augenzwinkernd die Umsatzsteigerung bei Selbstmedikationsarzneimitteln mitbelohnen. Wenn die Krankenkassen einen solchen Preis vergeben würden, hätten sie sicher in erster Linie den Kostenspareffekt im Auge.




die Selbstheilungskräfte ihrer Versicherten, denn ein beträchtlicher Teil der Krankheiten heilt von allein aus. Die Selbstheilungskräfte sind die unbestritten billigsten Heiler, jedenfalls für die Kassen.

So alt die Welt ist, hat sie im Laufe ihrer Evolution unzählige Fehlentwicklungen aus sich selbst heraus korrigiert, was nichts anderes ist als Naturheilung oder Selbstheilung, bis wir schließlich zu diesem ausdifferenzierten Erscheinungsbild der vernetzten Natur gelangt sind. Wir sollten unsere diesbezüglichen Quellen nicht vergessen und uns bewusst sein, daß die Natur die Fähigkeit zur Selbstheilung nicht verloren hat, sondern daß diese heute mehr als je zuvor vonnöten ist. Wir müssen alles tun, was die Naturheilkunde von jeher lehrt, um die Blockaden aus dem Weg zu räumen und der Selbstheilung ihren segensreichen Verlauf zu ermöglichen.

Natürlich wollen die Selbstheilungskräfte als Bestandteil der Lebenskraft, der »vis vitalis«, auch wenn sie vor 150 Jahren durch Mehrheitsbeschluß wissenschaftlich abgeschafft wurde, gepflegt werden. Grundlage dafür ist die geordnete Lebensweise im Sinne der Ordnungstherapie im geistigen, seelischen und körperlichen Bereich. Dies ist kein Kassenproblem, auch wenn es der Kassen mit Abstand größter Entlastungsfaktor ist, weil für diese kostenlos. Man möchte diesen aber auch die nächst günstigere Methode ans Herz legen, die die Naturheilkunde bereithält, um den Selbstheilungskräften zur Entfaltung zu verhelfen: das Ausräumen von Blockaden. Auch das Fördern desselben durch gezielte Reizsetzung kostet noch nicht das, was die Behandlung mit stark wirksamen Mitteln kostet, noch dazu, wenn man eine langfristige Nutzen-Risiko-Rechnung aufmacht und nicht nur den gerade zur Debatte stehenden »Krankheitsfakt« aufrechnet: Eine Konstitutionsbehandlung mit dem Ausgleich individueller Schwächen macht freie Bahn für die Selbstheilungskräfte usw.

Es gibt eine ganze Palette von kostengünstigen Möglichkeiten bei der Behandlung von Allgemeinerkrankungen, bis man schließlich, und dann berechtigt, zum kostspieligen High-Tech greift. Gemessen an diesen Tatsachen werden die Mittel der »Besonderen Therapierichtungen« weit unter ihrem Wert gehandelt.

Aber man darf Hoffnung haben, da jede gute Reform nicht aus Einsicht gekommen ist, sondern aus Kostendruck, daß die Naturheilkunde eine große Zukunftschance hat.

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern eine besinnliche Zeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/1993