EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Immer wenn ein Jahr zu Ende gegangen ist und ein neues beginnt, wird einem mehr als sonst bewußt, dass wir uns in unserem Leben mit Einteilungen und Abschnitten einrichten, um uns wahrscheinlich besser orientieren zu können. Man resümiert das alte Jahr und macht Pläne für das neue. Im Koordinatensystem von Vergangenheit und Zukunft hängen wir unsere Gegenwart auf, wobei diese selbst oft eine untergeordnete Rolle spielt. Sie hat aber eine zentralere Bedeutung in unserem Leben, als nur Durchgangsstation zwischen Vergangenheit und Zukunft zu sein, sie kann nämlich auch bewußt gelebt und nicht nur durchlebt werden.

Unsere moderne technische Welt ist in erster Linie von planerischen Erwägungen bestimmt. Der gute alte Kalender, der die Zeit einteilte, hat eine tiefgreifende Charakteränderung durchgemacht: Aus ihm ist ein Terminkalender geworden, der die Zeit nicht nur einteilt, sondern auch »ökonomisiert«, ein Kalender, der gleichzeitig Druck macht, dichtgedrängte Termine brav und widerspruchslos abzuspulen, ein Kalender, der sich einmischt in meine Gegenwart und mich von ihr ablenkt mit dem penetranten Hinweis auf zukünftige Termine, mich keinen vernünftigen Gedanken fassen läßt in der Gegenwart.

Nicht, daß ich falsch verstanden werde als sozialromantisch-rückwärtsgerichteter Moralist. Im Gegenteil: Ich plädiere sogar für die ganz neuen »Terminkalender«, die elektronischen. Sie halten ein Kalendarium für ca. 100 Jahre bereit, mancher Wald hätte sterben müssen für die vielen Kalenderbücher, und sie lassen sich so programmieren, daß sie rechtzeitig mit einem kleinen akustischen Zeichen auf sich aufmerksam machen, doch einmal nachzuschauen, an was für ein Ereignis man erinnert zu werden wünschte. Man braucht also nicht ständig blättern, ob man evtl. etwas versäumt, sondern man kann entspannt in der Gegenwart leben, bis der Hinweiston kommt und einem sagt: »War's schön so entspannt, ohne an Termine zu denken und nur in der Gegenwart zu leben? Erschrick nicht, aber da war was, das Du damals für wichtig hieltest. Schau einfach mal nach. Vielleicht hast Du ja Deine Meinung auch geändert. Dann drück' mit Vergnügen die Löschtaste und laß Dich nicht stressen.«

Und wenn man ganz klug ist, kann man sogar in der Zukunft für die Gegenwart planen, indem man sich selbst positiv manipuliert und an bestimmten Stellen, wo man später bestimmt betriebsblind für die Gegenwart ist, einprogrammiert: »Familienausflug« oder »Nimm Deinen Hund und mach eine ausgiebige Bergwanderung! «

Und natürlich wurde das alles nicht geschrieben, um den Absatz elektronischer Notizbücher anzuheizen, sondern um daran zu erinnern, daß das vor uns liegende 1994 nicht nur eine zu verplanende Zukunft ist, die man am Ende als Vergangenbiet resümiert, sondern auch jeweils eine Gegenwart, die gelebt werden kann.

In diesem Sinne

Ihr


Naturheilpraxis 01/1994