EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Josef Angerer ist tot. Im 87. Lebensjahr ist der Mentor und Vordenker unseres Heilpraktikerstandes uns auch diesen Weg vorangegangen. Er hatte sein Lebensziel erreicht: die in tiefem Glauben begründete tätige Hilfe am kranken Mitmenschen. Unzähligen Kranken hat er aus seiner Heilsbotschaft heraus geholfen. Er hat stets aus der Kraft des Glaubens geschöpft, aus der lebendigen Existenz Gottes und seines Waltens im Universum.

Er hatte sein Eingebettetsein als Mensch in die Gesamtzusammenhänge der Natur und des Universums tief empfunden und auch geistig zu durchdringen versucht. In vielen Vorträgen und Schriften hat er von diesen Zusammenhängen, wie er sie sah, berichtet und Anregungen weitergegeben, wie man aus diesem Ansatz heraus leben und heilen kann.

Unsere Fachzeitschrift NATURHEILPRAXIS wurde Jahrzehnte von seinen Beiträgen mitgeprägt.

Angerer war, auch in Zeiten extremer Polarisierung, niemals ein Mann der scharfen Töne, sondern verständnisvoller Vermittler und Bindeglied auseinanderstrebender Gruppen, Mahner für das Zusammenstehen in der Gemeinschaft. Sein inniger Wunsch nach Solidarität und Fairneß untereinander hat ihn Behutsamkeit und Feingefühl gelehrt, ihn vor übertriebenem und zersetzendem Aktionismus bewahrt. Dieses wäre, gerade in unserer Zeit ein so wichtiges Vermächtnis an die handelnden Funktionäre des Berufsstandes, aber man muß zugeben, daß er diese »Niederungen« schon lange verlassen hatte und sich mit dem übergeordneten naturheilkundlichen Gedankengut befaßte, denn eine seiner wichtigsten Eigenschaften, so muß es dem erscheinen, der ihn las und hörte, war seine Kreativität. Mit seinem tiefen Verständnis für die Natur, seinem assoziativen, bildhaft verknüpfenden Denken hat er Phänomene der Naturheilkunde zugeordnet und dadurch für den Behandler nachvollziehbar und verständlich gemacht.

Er hatte begriffen, daß keine Logik in der Lage ist, neue Kreationen zu liefern, noch dazu, wenn man sie nur in deduktiver Hinsicht in Betracht zieht. Er wußte, daß man der Logik noch eine Kunst der Erkenntnis zur Seite stellen muß, mit welcher das schwierige Gebiet der außerrationalen Entstehung von Theorien philosophisch untersucht werden könnte.

Er hat uns Naturheilkundlern ein feines Verständnis für diese Zusammenhänge lehren wollen. Ihm war klar, daß der geltende wissenschaftliche Dogmatismus für diese Erkenntnis keine Kriterien besitzt und auch gar nicht willens und in der Lage zu sein scheint, über den Schüsselrand seiner eigenen ideologischen Befangenheit hinauszuschauen.

Angerer verstand wie kaum ein anderer etwas vom Einfluß der Theorie, aber gleichzeitig auch von deren Begrenztheit auf die Praxis. In der Welt der Kreativität, in der er lebte, war er immer ein Grenzgänger. Aus der Tradition heraus arbeitete er an deren Überwindung durch eine tätige Gegenwart.

Ein gelebtes Leben, von einem wachen, seherischen Geist begleitet, hat sich vollendet. In der Trauer um seinen Tod will er uns sicher zur Besinnung aufrufen auf unsere Aufgabe als Heilpraktiker, zu tätiger Liebe und Hinwendung zum Mitmenschen und natürlich zu Frieden und Gemeinschaft auch innerhalb des Berufsstands.

In Gedanken an ihn können wir uns immer wieder neu finden. Danke, Josef Angerer, auch ganz persönlich.

In diesem Sinne


Naturheilpraxis 03/1994