EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Nachzulassungsstau der Mittel der besonderen Therapierichtungen, also unseres unverzichtbaren Handwerks, ist beträchtlich. Wenn mit der Nachzulassung so fortgefahren wird, wurde auf der Anhörung zur 5. Novellierung des Arzneimittelgesetzes vorgerechnet, haben wir noch ungefähr zwei Jahrzehnte damit zu tun. Allerdings wird es immer unvorstellbarer, daß sich die Europäische Union und insbesondere die Kommission die in deutscher Übergründlichkeit begründete Verschleppung der Nachzulassung noch lange anschaut, ohne vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen und das einzuklagen, was mit deutscher Zustimmung als europäisches Recht installiert wurde. Wie der Schnitt in unserem Arzneimittelschatz aussieht, der dann kommt, wenn ein Richterspruch uns nicht nur verurteilt und mit Strafe belegt, sondern evtl. auch von außen in die Nachzulassung eingreift, möchte man sich lieber nicht vorstellen. Kurzum, es ist Eile geboten, eine Lösung für die Nachzulassung zu finden, die den Gegebenheiten und dem Stellenwert der besonderen Therapierichtungen im deutschen Gesundheitswesen Rechnung trägt.

Dazu gehört in erster Linie die Berücksichtigung der Möglichkeiten des Arzneimittelgesetzes in bezug auf das sogenannte andere wissenschaftliche Erkenntnismaterial als Beurteilungskriterium für diese Mittel.

Das Problem scheint sich als eines der politischen Willensbildung und der ebenso politischen Aufsicht über das Bundesgesundheitsamt als ausführende Behörde herauszukristallisieren. Dort werden die Beurteilungskriterien immer weiter »verwissenschaftlicht«, das Vertrauen in die gemachte Erfahrung bewegt sich gen Null.

Man scheint bei aller intellektuellen Bemühung um Wissenschaftlichkeit eine der wichtigsten Tatsachen außer acht zu lassen: die wertende Vernunft, die uns lehrt, daß die Erfahrung schließlich zur Begriffsbildung unserer Erkenntnis führt und gar nicht hoch genug eingestuft werden kann, mindestens aber gleichberechtigt zum wissenschaftlichen Experiment gewertet werden muß.

Kant sah zwei Wurzeln für die menschliche Erkenntnis und versuchte eine ordnende Wertung: »Empfindung ist ungeordneter Reiz. Wahrnehmung ist geordnete Empfindung. Begriff ist geordnete Wahrnehmung, Wissenschaft geordnete Erkenntnis, Weisheit geordnetes Leben.« Auf gut deutsch, man sollte bei der Nachzulassung die Kirche im Dorf lassen und nicht die gesamte Medizin neu erfinden, vor allen Dingen nicht die traditionelle, die sich über Jahrzehnte und z.T. über Jahrtausende hin bewährt hat.

Das hat nichts mit mangelnder Gründlichkeit zu tun, nur mit Verhältnismäßigkeit der Mittel und dem gesunden Menschenverstand. Und wenn das deutsche Bundesgesundheitsamt, wo sich doch bei einzelnen Vertretern auch ganz schlichte menschliche Interessenkollisionen ergeben haben, bei der Nachzulassung nicht plötzlich zum objektivsten und besten der Welt wird, wir werden's überleben – und sicher gesünder und natürlicher.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/1994