EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

man mußte es fast erwarten, daß einige Begriffe und Tugenden aus den Zeiten wirtschaftlicher Prosperität der sechziger und siebziger Jahre, als die wirtschaftliche Blüte unzertrennlich mit dem scheinbar unbegrenzten Wachstum verknüpft war, noch einmal würden auf die Probe gestellt werden. Viele Probleme menschlichen Zusammenlebens erschienen in rosigem Lichte, allerdings auch schon damals auf Kosten einer Verdrängung von Schwierigkeiten, die woanders in der Welt menschliches Leid herbeiführten und die uns lediglich als alltägliche Fernsehunterhaltung erreichten.

In wohlgeordneten wirtschaftlichen Verhältnissen, die man im Vergleich zu anderen Teilen der Welt zu Recht als Wohlstandsgesellschaft bezeichnete, konnten wir uns Tugenden leisten, deren Echtheit nicht unter Beweis gestellt wurde. Eine dieser hervorragenden menschlichen Tugenden war und ist die Toleranz. Man leistete sich diese Tugend gern in einer freien pluralistischen Gesellschaft und man sprach auch gern darüber. Sie war sozusagen ein Markenzeichen für diese neue aufstrebende Gesellschaft. So wie wir Deutschen die Musterschüler in Nationalsozialismus waren, war ein Teil Deutschlands wiederum der Musterschüler in Sozialismus und der Westteil in Demokratie, Pluralismus und der dazugehörigen Toleranz gegenüber jedermann. Man konnte tolerant sein und auch dem nächsten das Beste gönnen, es ging einem selbst dabei schließlich nichts ab. Der Toleranzbegriff beinhaltete sicher auch ein gerüttelt Maß an Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen, die gern als Gleichmut und Toleranz verstanden werden wollte.

Die Zeiten haben sich geändert und geben uns Anlaß, einige dieser Begriffe neu zu hinterfragen und auf ihre Echtheit abzuklopfen. Wie ist es mit unserer Toleranz bestellt, wenn »dem anderen etwas gönnen« teilen heißt, eigene Einschränkung oder gar Entbehrung?

Es zeigt sich, daß es mit unserer vielbeschworenen Toleranz nicht soweit her ist. Andere »Tugenden« rücken in den Vordergrund: Unmut darüber, das eigene Anspruchsdenken nicht in dem Ausmaß befriedigen zu können, wie man sich das wünscht, kleinliche Besitzstandswahrung, übertriebenes Konkurrenzdenken und Abschottung gegenüber anderen. Mit einer allgemeinen Entsolidarisierung geht eine spürbare Reserviertheit gegenüber Ausländern einher, besonders solchen, die unsere Hilfe brauchen. Es fällt uns schwer zu begreifen, daß unser wirtschaftlicher Aufstieg nicht nur unser Verdienst ist, sondern mit auf Kosten derer geschah, die jetzt zu Unrecht Bittsteller sind.

Zur Naturheilkunde gehört auch die seelische Dimension, diese Tatsachen ehrlich zu sehen. Die Ganzheitssicht duldet keine Hintergedanken, die sich vorrangig um den eigenen Vorteil drehen. Und Toleranz in ihrer eigentlichen Bedeutung ist ein unentbehrlicher Aspekt der Heilkunde am Menschen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/1994